Schloss Linderhof

Codename „T’meicos Ettal“ – Ludwigs Köngisvilla beim Linderhof

von Ganimete Pronaj

Im Graswangtal hatte Ludwigs Vater Max II. ein Königshäuschen. Ludwig ließ dort eine Königliche Villa errichten, die als „Schloss Linderhof“ bekannt ist. Geplant war es als Hommage an das sakrale Gottesgnadentum der Bourbonen. Ludwig wollte dem „wahren Königtum“ ein bauliches Denkmal setzen. Im engen Graswangtal konnte aus Platzgründen kein zweites Versailles entstehen, sondern nur das kleine Schloss Linderhof – ein Kleinod im neubarocken Stil des Historismus. 

Die „Königliche Villa“ Linderhof

Im Quellgebiet der Ammer
Das wildromantische Graswangtal ist ein alpines Hochtal im Herzen des Ammergebirges. Das altgermanische Wort „wang“ bezeichnet eine natürliche Grünfläche oder Aue. Im Graswangtal liegt das Quellgebiet der Ammer, deren Oberlauf die Linder bildet – ein Gebirgsfluss, der östlich des Ammersattels (1118 m) entspringt und das Tal teilweise unterirdisch durchläuft. Das „Grieß“ (Kies, Geröll) des Flussbettes zwingt die Linder beim Dorf Graswang – früher „Grießwang“ – in den Untergrund. Südlich von Oberammergau tritt die Linder in zahlreichen Quelltöpfen (Karstquellen) wieder an die Oberfläche – und wird ab hier Ammer genannt.

 

Kolorierter Holztsich um 1874

Kolorierter Holztsich um 1874

Das Königshäuschen beim Linder-Bauernhof
Ludwig II. kannte das Graswangtal seit seiner Jugend. Die königliche Familie kam oft von Hohenschwangau herüber, denn Vater Maximilian II. besaß das Jagdrecht im Revier Ettal. – Der „Linderhof“ war ursprünglich ein Zehentbauernhof des Klosters Ettal, seit dem 15. Jahrhundert von der Familie Linder bewirtschaftet. In napoleonischer Zeit verkaufte ein Nachfahre der Linder, Josef Gindhart, das Anwesen an den bayerischen Militärfohlenhof Schwaiganger bei Murnau. Sein Bruder Johann Michael Gindhart blieb aber bis zu seinem Tod in einem 1790 erbauten Auszugshaus auf dem Grundstück des Linder-Bauernhofs wohnen. – Dieses Nebengebäude („Gindhart-Häusl“) nutzte Maximilian II. als Jagdhaus und ließ es in den frühen 1850er Jahren von Hofbaudirektor Friedrich Ziebland zum „Königshäuschen“ umbauen. Der bäuerliche Charakter – ein hölzerner Ständerbau auf verputztem Sockel – blieb erhalten. 1874 wurde das Gebäude im Zuge der Baumaßnahmen für Schloss Linderhof an seinen heutigen Standort 250 Meter westlich des Schlosses versetzt.

Das "Königshäuschen" im Park von Schloss Linderhof

Das „Königshäuschen“ im Park von Schloss Linderhof

Das Königshäuschen ist seit 2011 erstmals der Öffentlichkeit zugänglich. Im Erdgeschoss zeigt die Schlösserverwaltung die liebevoll gestaltete Ausstellung „Vom Lynder-Hof zum Schloss“. Sie kann zu folgenden Öffnungszeiten besichtigt werden: 28. März bis 15. Oktober: täglich 10 – 17 Uhr; 16. Oktober bis 27. März: sonntags 10 – 15 Uhr (Informationen: www.linderhof.de).

„T’meicos Ettal“ – Ein König glaubt an sich…
Das Projekt Ludwigs II. zum Bau eines Schlosses Linderhof firmiert in den königlichen Bauakten unter dem Decknamen T’meicos Ettal (auch Meicost Ettal), ein Anagramm – d.h. eine Buchstabenumstellung –  der Devise „L’état c’est moi – Der Staat, das bin ich“, die dem Sonnenkönig Ludwig XIV. zugeschrieben wird.
Ludwig II. war gerade 18 Jahre alt, als er 1864 die Nachfolge seines Vaters antreten musste. Gleich in den ersten Regierungsjahren hatte der junge König schwere Krisen zu bewältigen: im Dezember 1865 die erzwungene Trennung von Wagner; 1866 den Krieg gegen Preußen, der mit Bayerns Niederlage und Unterwerfung endete. Ludwig trug sich mit Selbstzweifeln und dachte an Abdankung, als Wagner ihm am 24. Juli 1866 schrieb: „Ein König glaubt an sich, oder er ist es nicht!“ –
Von nun an suchte Ludwig nach starken Vorbildern für sein Königtum. Ab etwa 1867 begann er, sich intensiv mit dem Sonnenkönig Ludwig XIV. (1868-1715) und den Bourbonen zu beschäftigen.

Ludwigs eigentlicher Namensgeber: Bourbonenkönig Ludwig XVI. (1754-1793) Ansichtskarte um 1900

Ludwig und die Bourbonen
Seinen Namen „Ludwig“ verdankte Ludwig II. nicht allein seinem Großvater, König Ludwig I. (1786-1868). Dessen Taufpate war der Bourbonenkönig Ludwig XVI. (1754-1793) – jener König, der mit seiner Frau Marie Antoinette der Französischen Revolution zum Opfer fiel. Durch das Taufsakrament sah sich Ludwig II. persönlich mit den Bourbonen verbunden – den „wahren Königen des Gottesgnadentums“. Im Absolutismus sah Ludwig allerdings nicht die Staatsform, sondern die sakrale Idee eines „gottgewollten Königtums“. Ludwig verstand das Gottesgnadentum in seinem ursprünglichen, metaphysischen Sinne. Deshalb lag es ihm fern, selbst „absolutistisch“ aufzutreten; im Mittelpunkt des Hoflebens zu stehen, wie ein Sonnenkönig, wäre ihm ein Graus gewesen. Bekanntlich trug Ludwig II. meist den bescheidenen, grauen Gehrock des Privatmannes. Seine Schlösser verstand er als Ruhmestempel anderer Könige – Illusionswelten, die er selbst quasi als Zuschauer betrat.

Die Büste der von Ludwig II. verehrten Bourbonen-Königin Marie-Antoinette im Park Linderhof

Die Büste der von Ludwig II. verehrten Bourbonen-Königin Marie-Antoinette im Park Linderhof

Reisen zum „Erbfeind“ nach Frankreich
Unter dem Decknamen „Graf von Berg“ reiste Ludwig insgesamt dreimal nach Frankreich. Im Juli 1867 besuchte er die Pariser Weltausstellung. 1874 wollte er endlich Schloss Versailles mit eigenen Augen sehen. Die Reise war politisch umstritten und gefährlich, so kurz nach dem Deutsch-Französischen Krieg, der 1871 mit einer demütigenden Niederlage der Franzosen endete. Ausgerechnet in Versailles hatte man – auf widerwilligen Vorschlag Ludwigs II. („Kaiserbrief“) – den Preußenkönig zum deutschen Kaiser proklamiert. Doch der Bayernkönig, dessen Inkognito in Frankreich bald aufflog, hatte vom „Erbfeind“ nichts zu befürchten. Im Gegenteil: Die französischen Zeitungen priesen ihn als sachkundigen Verehrer der Bourbonen, als der er sich beim Rundgang in Versailles erwies. – Ludwigs dritte und letzte Frankreichreise ging 1875 nach Reims: an die Stätte der Krönung und Salbung der französischen Könige, an den Ursprungsort des „sakralen Gottesgnadentums“.

Der Schlosspark bietet vielfältige Ausblicke auf die Königsvilla

Der Schlosspark bietet vielfältige Ausblicke auf die Königsvilla

Kein Platz für „Versailles“ im Graswangtal
Als Ludwig II. am 28. November 1868 den Bau eines Schlosses bei Linderhof in Auftrag gab, waren zeitgleich der Wintergarten auf der Residenz und Schloss Neuschwanstein in Arbeit. Ludwig schrieb deshalb betont bescheiden an Hofsekretär Düfflipp: Nur ein „kleiner Pavillon“ solle es werden; ein ganz bescheidenes, einsames Refugium, wie es sich Ludwig XIV. einst in Marly schuf; ja, selbst das kleine Lustschlösschen Trianon im Park von Versailles sei dem Sonnenkönig als Rückzugsort noch „zu palastartig“ gewesen. – Doch wie üblich legte der König die anfängliche Bescheidenheit bald ab. Als 1869 das Gelände im Graswangtal gekauft war und die Bauarbeiten anliefen, schrieb er an Düfflipp: „…es soll gewissermaßen ein Tempel des Ruhmes werden, worin ich das Andenken an König Ludwig XIV. feiern will; deshalb dürfen die Räume nicht kleinlich ausfallen, eine bloß scheinbare Größe, erzielt durch perspektivische Mittel, reicht nicht aus, den Charakter der Herrlichkeit jener wundervollen Epoche zu veranschaulichen…“. –
Für eine originalgetreue Kopie von Schloss Versailles, wie sie Ludwig jetzt im Sinn hatte, war das Graswangtal allerdings zu eng. Deshalb wurden am Ende gleich zwei Schlösser gebaut: Für den Nachbau von Versailles wurde 1873 die Herreninsel im Chiemsee erworben. Das war Murnaus verpasste Chance: Viel lieber hätte Ludwig sein Versailles nämlich dort auf der Insel Wörth im Staffelsee gebaut. Doch die Besitzer weigerten sich zu verkaufen.

Linderhof auf einer Präge-Ansichtskarte aus dem Jahr 1904

Königliche Villa Linderhof – ein Kleinod des Neubarock
In Linderhof entstand nun bis 1878 ein vergleichsweise kleines „Schloss“, das eher dem Typus einer großbürgerlichen Villa des späten 19. Jahrhunderts entspricht. In mehreren Bauphasen ließ Ludwig Bestehendes immer wieder nach seinen Wünschen umbauen und ergänzen, bis ein einzigartiger Gebäudetypus geschaffen war: Die „Königliche Villa“ von Linderhof ist keine bloße Kopie bourbonischer Architektur des 17. und 18. Jahrhunderts. Sie ist eine eigenwillige Neuschöpfung im neubarocken Stil des Historismus mit Elementen aus Klassizismus, Barock und Rokoko. Die Mischung unterschiedlicher Stile vergangener Epochen war im zeitgenössischen Kunstverständnis des Historismus kein Problem.

Besucher-Tipp
Die Prunkräume im Inneren der „Villa“ können im Rahmen einer Führung besichtigt werden (Dauer 25 Minuten). Angesichts des Besucherandrangs sollte man die Möglichkeit nutzen, Tickets für eine feste Einlasszeit zu reservieren: www.linderhof.de

Anlass für schöne Sonderveranstaltungen, wie zum Beispiel eine „König Ludwig-Nacht“ mit Schlossparkbeleuchtung, sind in Linderhof immer wieder die Geburts- und Todestage Ludwigs II. – Auch sehr interessante Sonderführungen werden ganzjährig angeboten!
Die nächste König-Ludwig-Nacht findet zum 170. Geburtstag Ludwigs II., am Dienstag, dem 25. August 2015, statt.

 

Literatur:
Vanessa Voit, Vom Lynder-Hof zum Schloss, hrsg. Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, München 2012.
Ludwig Hüttl, Ludwig II. König von Bayern, München 1990, 244-267.
Schloss Linderhof. Amtlicher Führer, hrsg. Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, bearb. von Elmar D. Schmid u. Gerhard Hojer, München 2006.
Hans F. Nöhbauer, Auf den Spuren König Ludwigs II., München 21995.
Maria Seitz, Ludwig II. König von Bayern. Ein Wittelsbacher zwischen Kunst und Tragik, Darmstadt 2011.