Venusgrotte

Thüringen trifft Capri: Die Venusgrotte in Linderhof

von Ganimete Pronaj

Eine unterirdische Tropfsteinhöhle nie dagewesener Größe ließ Ludwig II. bei Schloss Linderhof bauen. Hier wollte er sich mit Hilfe modernster Technik in eine Traumwelt versetzen lassen. Bayern verdankt dem Wunsch Ludwigs II. nach perfekter Illusion sein erstes Elektrizitätswerk – und die BASF ihr erstes Patent auf ein tiefes Blau, das dem König aber nie blau genug war.

Venusgrotte in Capri-Blau

Venusgrotte in Capri-Blau

Ludwigs größte Grotte
Am 15. Dezember 1875 ordnete Ludwig II. den Bau der Grotte bei Schloss Linderhof an. Künstliche Grotten waren ein üblicher Bestandteil fürstlicher Gärten seit der Renaissance. In Hohenschwangau hatte auch Max II. (Ludwigs Vater) ein Bad in Form einer Felsengrotte bauen lassen. Ludwig selbst besaß bereits zwei andere Grotten: im Wintergarten der Münchener Residenz und in Neuschwanstein. Die neue Grotte am Abhang des Hennenkopfes nordöstlich von Schloss Linderhof stellte alle bisherigen künstlichen Höhlen an Größe und technischer Raffinesse in den Schatten.

Wahlweise: „Venusgrotte“ oder „Blaue Grotte“
Zur Gestaltung der Grotte dienten Ludwig zwei Vorbilder. Je nach Beleuchtung wollte er sich dort entweder in die rot beleuchtete Venusgrotte aus Wagners Tannhäuser oder in die Blaue Grotte der Insel Capri hineinversetzen.
Die Venusgrotte ist Schauplatz des ersten Aufzugs der Wagneroper. Tannhäuser erwacht im Inneren des Venusberges bei der heidnischen Göttin der Sinnlichkeit (Venus), von der er sich schließlich losreißt, um auf den christlichen Tugendpfad zurückzukehren. Ludwig orientierte sich nicht nur an Wagners Bühnenanweisungen, sondern auch an der tatsächlichen „Venushöhle“ im Hörselberg nahe der Wartburg. Der Ursprungsort der Tannhäuser-Sage in Thüringen hatte Wagner zu seinem Werk inspiriert. – Die berühmte Blaue Grotte auf der italienischen Insel Capri hat Ludwig II. selbst nie gesehen. Dafür musste Stallmeister Hornig zweimal für ihn dorthin reisen. Auch der Chemiker Dr. Max Edelmann wurde nach Italien geschickt, um die Lichteffekte der Blauen Grotte wissenschaftlich zu studieren.

Venusgrotte in Rot

Venusgrotte in Rot

Besuch in der Traumwelt
Durch einen „Sesam-öffne-dich“-Eingang betritt man eine rot beleuchtete Vorgrotte, die Ludwig „Tal von Kaschmir“ nannte. Ein schmaler Durchgang führt in die 10 Meter hohe Hauptgrotte, die mit ihren künstlichen Stalaktiten einer Tropfsteinhöhle nachempfunden ist. Ein unterirdischer See („Königssee“) mit einem Wasserfall erfüllt den Raum. Die Höhlenwand schmückt ein großes Gemälde: „Tannhäuser bei Frau Venus“ von August von Heckel.
Der König hatte mehrere Möglichkeiten, die Illusion auf sich wirken zu lassen: Vom hoch gelegenen „Königssitz“ aus, in einem Muschelthron sitzend, überblickte er den See hin zum Gemälde. Vom kristallbesetzten „Loreleyfelsen“ aus, wo damals ein „Korallenstuhl“ stand, sah er in einen Spiegel, in dem sich die Traumwelt unendlich fortsetzte. Es gab auch einen verschließbaren Ausguck, durch den man ins Freie auf Schloss und Berge blicken konnte. Mit Vorliebe aber ließ Ludwig sich in einem Muschelkahn auf dem See herumrudern.

Der Muschelkahn auf dem unterirdischem "Königssee"

Der Muschelkahn auf dem unterirdischem „Königssee“

Hightech made in Bayern
Der technische Aufwand, der die Illusion für den König perfekt machen sollte, war gewaltig und bahnbrechend für die Zeit. Die Grotte war voll beheizbar. Für den König unsichtbar brachten sieben Kachelöfen die Temperatur in der Grotte auf 20 Grad Celsius. Das Wasser des Grottensees, in dem Ludwig gelegentlich badete, konnte gefiltert und auf 28 Grad Celsius erwärmt werden.

Linderhof wurde 1878 mit der ersten dauerhaften elektrischen Beleuchtung Bayerns ausgestattet. Die Firma Siemens-Schuckert lieferte für die Grotte 24 Kohlebogenlampen (der Prototyp war 1867 auf der Pariser Weltausstellung vorgestellt worden), damit die Felsen in stimmungsvolles Licht getaucht werden konnten; außerdem eine Wellenmaschine, die authentische Lichtreflexionen in der Höhle erzeugte; sowie einen Projektor, der einen illusionären Regenbogen an die Höhlenwand warf. Der Strom für die ganze Schlossanlage kam aus einem 100 Meter entfernten „Krafthaus“. Das war Bayerns erstes Elektrizitätswerk: 24 von einer Dampfmaschine betriebene Flachringanker-Dynamos, die Siemens 1876 neu entwickelt hatte.

Verflixtes Capri-Blau
Um in der Grotte die gewünschten Lichteffekte zu erzeugen, waren die Bogenlampen mit farbigen Glasplatten umgeben. Mit Anilinfarben konnte rotes, rosafarbenes, grünes, gelbes und blaues Licht erzeugt werden.
Für die „Blaue Grotte“ wünschte sich Ludwig ein unverfälschtes, originales Capri-Blau. Zahllose Experimente, die Hofmaler Otto Stöger und Chemiker Max Edelmann in einem in der Grotte eingerichteten Labor durchführten, stellten Seine Majestät nicht zufrieden. Der Chemieprofessor Adolf von Baeyer, Nachfolger Justus von Liebigs auf dem Münchener Lehrstuhl für Chemie, wandte sich schließlich an die BASF (Badische Anilin- und Sodafabrik) in Ludwigshafen, das damals zur bayerischen Rheinpfalz gehörte. Der Mitbegründer des jungen Unternehmens Heinrich Caro gab sein Bestes, um zu helfen, ein blaueres Blau für den König zu erzeugen. Ob es je gelang, Ludwig zufrieden zu stellen, ist nicht bekannt. Aber die BASF meldete 1890 ein Patent zur künstlichen Herstellung von Indigo an.

So stellten es sich die Zeitgenossen vor: Ludwig II. als Lohengrin in der "Blauen Grotte"

So stellten es sich die Zeitgenossen vor: Ludwig II. als Lohengrin in der „Blauen Grotte“

Stöger macht „blau“
Wie entnervt Hofmaler Otto Stöger gewesen sein muss, dem es oblag, das verzweifelt gesuchte „Königsblau“ zu finden, zeigt eine Geschichte, die Luise von Kobell überliefert: Stöger war eines Tages einfach nicht zur Arbeit erschienen. Also fragte der König einen der Wegmacher: „Wo ist Stöger?“ Antwort: „Der macht blau, Majestät!“ – „Ah, das ist recht“, soll der König erwidert haben, „er soll nur so fortfahren.“ Offenbar kannte Ludwig die Redensart nicht und dachte nur an das Blau seiner Grotte.

Die Gesamtleitung des Linderhofer Grottenprojekts hatte Ludwigs Gartenarchitekt Carl von Effner. Hofbaudirektor Georg von Dollmann sorgte für die äußeren Anlagen, und der Landschaftsplastiker August Dirigl gestaltete den Innenausbau der Höhle. Franz Seitz, der Möbel und Fahrzeuge für Ludwig II. erstellte, entwarf Muschelkahn, Muschelthron, Korallenstuhl und -leuchter.

Literatur:
Jean Louis Schlim, Ludwig II. Traum und Technik, München 2010, 94-106.
Mario Praxmarer, Peter Adam, König Ludwig II. in der Bergeinsamkeit von Bayern und Tirol, Garmisch-Partenkirchen 2002, 92-98.