Ludwigs Insel

Die Roseninsel: Ludwigs Refugium im Starnberger See

Ludwig II. nutzte die Roseninsel als Rückzugsort, wenn er sich in Schloss Berg am Starnberger See aufhielt. Der König ließ sich mit dem Raddampferboot „Tristan“ übersetzen, um im Schatten der Bäume zu lesen oder im Rosengarten zu speisen. Hier traf er sich mit Cousine „Sisi“, Kaiserin von Österreich, oder mit Sophie, der unglücklichen Verlobten. Für die Zarin von Russland veranstaltete Ludwig ein spektakuläres Seefest.

Ludwig kaufte die Roseninsel 1865 aus dem Nachlass seines Vaters. Das märchenhafte Inselparadies entsprach seinem Bedürfnis nach Rückzug in poetische Einsamkeit und Natur. Von Schloss Berg aus war die Insel bequem mit dem Raddampferboot zu erreichen. Der König lud nur ihm nahestehende Menschen auf die Roseninsel ein.

Die historischen Rosen blühen Mitte Juni und Mitte August

Tristan und Isolde am Starnberger See 1865
Ludwigs Vater Max II. hatte sich 1855 für private Zwecke ein Dampfschiff bauen lassen. Die „Maximilian“ war 18 m lang und 2,80 m breit. Ludwig ließ das Schiff 1865 renovieren und taufte es „Tristan“, denn gerade fand in München die Uraufführung der Wagner-Oper „Tristan und Isolde“ statt. Darin holt der junge Held Tristan die Königstochter Isolde per Schiff von Irland nach Cornwall. So kam Ludwig auf die Idee, den Nordturm von Schloss Berg, den er anbauen ließ, „Isolde“ zu nennen. Jetzt konnte „Tristan“ (das Boot) bei jeder Fahrt über den Starnberger See sich seiner geliebten „Isolde“ (dem Turm) annähern!

"Tristan" mit Ludwig II. vor Schloss Berg gemalt von Erich Correns 1867 (Ansichtskarte von 1914)

„Tristan“ mit Ludwig II. vor Schloss Berg gemalt von Erich Correns 1867 (Ansichtskarte von 1914)

Roseninsel-Eskapade 1866
Genau ein Jahr nach der Uraufführung des „Tristan“, am 10. Juni 1866, zog sich Ludwig für einige Tage auf die Roseninsel zurück. Mit Fürst Paul von Thurn und Taxis und Reitknecht Völk wurde der Jahrestag gebührend gefeiert. Die Freunde lasen, rezitierten und besprachen Wagners Werk. Man hätte dem jungen König das Vergnügen gegönnt – wären nicht tags zuvor, am 9. Juni, preußische Truppen in Holstein einmarschiert. Bayern drohte, an der Seite Österreichs in den deutsch-deutschen Krieg hineingezogen zu werden. So wurde die Eskapade des Bayernkönigs auf der Roseninsel heftig kritisiert.

Keine Rosen für Sophie 1867
Für die Öffentlichkeit unerwartet kam Ludwigs Verlobung mit seiner Cousine Sophie, Herzogin in Bayern (1847-1897) am 22. Januar 1867. Der Starnberger See wurde Mittelpunkt der Verlobungszeit, denn Sophies Familie gehörte Schloss Possenhofen, am See gegenüber von Schloss Berg. Einige Treffen des Paares dürften auf der Roseninsel stattgefunden haben. Sophie soll aber den schweren Duft der Rosen nicht ertragen haben. Sie bekam davon Kopfschmerzen. – Ludwig löste die Verlobung am 7. Oktober 1867, nachdem er den Hochzeitstermin zweimal verschoben hatte. Das lag freilich nicht an Sophies Abneigung gegen Rosen, sondern an Ludwigs Abneigung gegen das Heiraten. Sophie heiratete knapp ein Jahr später, am 28. September 1868, einen französischen Prinzen. Ihr Ja-Wort soll wie ein „Meinetwegen“ geklungen haben.

Verlobungsfoto von 1867

Verlobungsfoto von 1867

Unvergessliches Seefest 1868
Ausgerechnet am Vorabend von Sophies Hochzeit veranstaltete Ludwig am Starnberger See – quasi vor Sophies Haustür – ein spektakuläres Fest zu Ehren einer anderen Dame: Zarin Maria Alexandrowna (1824-1880). Die russische Zarin war eine Prinzessin von Hessen-Darmstadt und dem 20 Jahre jüngeren König von Bayern eine mütterliche Vertraute. Die beiden hatten sich im Sommer in Kissingen wieder gesehen. Vom 26. bis 28. September 1868 war Maria Alexandrowna zu Gast auf Schloss Berg, das ihr großzügig überlassen wurde. Der Freundin gelang es, Ludwig zu überreden, gemeinsam nach Possenhofen zu fahren und die herzogliche Familie zu Sophies Hochzeit zu beglückwünschen.

Das Seefest für die Zarin hatte Ludwig so prächtig und märchenhaft arrangiert, dass nicht nur Maria Alexandrowna tief beeindruckt war. Auch die Einheimischen sprachen noch lange von dem Ereignis. Zum Programm gehörte eine Seerundfahrt mit Aufenthalt auf der Roseninsel, wo die beiden bei einer Serenade inmitten der Rosen dinierten. Mit Einbruch der Dunkelheit waren alle Schlösser und Landhäuser am See illuminiert. Hunderte von Booten mit bunten Laternen kreuzten das Wasser, während man zum bengalisch beleuchteten Schloss Berg zurückfuhr. Vom Balkon aus sahen die Zarin und ihr Gastgeber einem Fischerstechen zu. Zum Finale wurde ein prächtiges Brillantfeuerwerk abgebrannt. Am Ende erstrahlte zu den Klängen der russischen Kaiserhymne der Name der Zarin am Nachthimmel.

 

Kahnfahrt mit Sisi und Rustimo 1881
Am meisten genutzt wurde die Roseninsel von Ludwigs berühmter Cousine „Sisi“, Kaiserin Elisabeth von Österreich (1837-1898). Die ältere Schwester von Sophie lebte bereits seit 1854 in Wien. Im Sommer kam sie regelmäßig in die Heimat, um ihre Familie in Possenhofen zu besuchen. Sie logierte mit Hofstaat im Hotel Strauch in Feldafing, dem heutigen Hotel „Kaiserin Elisabeth“. Sisis Lieblingsplatz war die Roseninsel. Wohl deshalb ließ Ludwig sie stets aufwendig pflegen. Sisi ließ sich fast täglich zur Roseninsel übersetzen. Im Juni blühten und dufteten die Rosen. Da Sisi acht Jahre älter war als Ludwig, entwickelte sich die Freundschaft der beiden Monarchen erst später zu jener Nähe und Seelenverwandtschaft, die legendär wurde. Auch wenn Ludwig abwesend war, tauschten die beiden Botschaften aus – über eine Schreibtischschublade im Casino, für die nur sie beide einen Schlüssel hatten.

Im Juni 1881 hielten sich König und Kaiserin gleichzeitig am Starnberger See auf. Das gab Gelegenheit zu häufigeren Treffen. Einmal unternahmen Ludwig und Sisi eine Kahnfahrt auf dem See. Die Kaiserin hatte ihren Mohrenknaben Rustimo dabei, der afrikanische Volkslieder sang und Gitarre spielte. (Rustimo soll ein Geschenk des Schahs von Persien gewesen sein.) Ludwig war so begeistert von der Darbietung, dass er Rustimo einen wertvollen Ring schenkte.

Sisi-Statuette (Hermann Klotz 1867)

Sisi-Statuette (Hermann Klotz 1867)

„Möwe“ und „Adler“ 1885
Vier Jahre später schrieb Sisi in Erinnerung an die romantische Kahnfahrt ein Gedicht, das sie für Ludwig im Casino auf der Roseninsel am 20. Juni 1885 hinterlegte. Da das Gedicht in Amsterdam entstanden war, bezeichnet sich Sisi darin als „Möwe“ – und Ludwig als „Adler“. Denn während die Kaiserin rastlos durch Europa reiste, verbrachte Ludwig die meiste Zeit des Jahres in seinen Bergresidenzen. Ludwig fand das Gedicht erst im September 1885. Er antwortete seinerseits mit einem Gedicht und fügte erklärend hinzu: „Seit Jahren erfolgte meinerseits kein Besuch der Roseninsel, erst vor ein paar Tagen erfuhr ich, welche Freude mir dort harrt. Auf diese Nachricht hin flog ich eilends nach dem idyllischen Eiland und fand dort den theuren Gruß der See-Möve! Tiefsten, innigsten Dank!“

Ludwig und Sisi schrieben einander Gedichte

Ludwig und Sisi schrieben einander Gedichte

Rosen für den Toten 1886
Als Ludwig am 13. Juni 1886 den Tod im Starnberger See fand, weilte auch Sisi gerade wieder in Feldafing. Es gab Gerüchte, dass sie dem König zur Flucht verhelfen wollte. Die Todesnachricht traf die Kaiserin schwer. Sie schickte einen Strauß Jasmin nach Berg, der dem aufgebahrten König auf die Brust gelegt wurde. Eigenhändig legte Sisi am 21. Juni in der Münchener Michaelskirche am Sarg einen selbst gebundenen Kranz aus Rosenblüten nieder. Jasmin und Rosen hatte ihr Ludwig II. einst über den See senden lassen, zur Erinnerung an gemeinsame Stunden auf der Roseninsel. Sisi verarbeitete ihre Trauer und Verzweiflung über den Tod des Freundes in Gedichten, in denen sie die Verwandtschaft, allen voran Prinzregent Luitpold, des Thronraubes anklagte.

Für Ludwig und Sisi waren Rosen ein Symbol ihrer Freundschaft

Für Ludwig und Sisi waren Rosen ein Symbol ihrer Freundschaft

Literatur u.a.:  Jean Louis Schlim, Ludwig II. am Starnberger See, München 2011.