Königshaus Kenzen

Bergresidenz mit Wasserfall – Das Königshäusl im Kenzengebiet

von Martin Fend

Im Herzen des Ammergebirges, im Naturschutzgebiet Kenzen, lag – nahe der heutigen Kenzenhütte – das Königshaus Kenzen: eine „Bergresidenz“ Ludwigs II. mit dazugehörigen Nebengebäuden. Der König kam alljährlich im Juli. Er besuchte den Förster und verweilte gern an seinen Lieblingsplatz, der Wankerfleckwiese. Ludwig liebte die Felsarena beim Geiselstein und den wildromantischen Wasserfall, wo ihn einst eine Überraschung erwartete …

Die Wankerfleck-Kapelle (1148 m) mit Geiselstein (1881 m)

Mit dem Pendelbus in die Felsarena
Ein Besuch der einstigen Bergresidenz Ludwigs II. am Kenzen lohnt allemal. Nahe der Kenzenhütte (1294 m) liegt die Wankerfleckwiese, die Ludwig II. besonders liebte. Das abgeschiedene Hochtal („Ebenwald“) mit uralten Bergahornbäumen ist von einer atemberaubend bizarren Felsarena umgeben, die man in den Voralpen nicht vermuten würde. Über allem ragt der Geiselstein (1884 m) – für manche das „Matterhorn der Ammergauer Alpen“. Die Wankerfleck-Kapelle (1148 m) wurde zum Gedenken der am Geiselstein verunglückten Bergsteiger errichtet.

Der bequemste Weg zur Kenzenhütte führt über das gemächlich ansteigende „Königsträßl“ ab Halblech, nahe Hohenschwangau an der B 17 zwischen Füssen und Steingaden. Ab dem Wanderparkplatz in Halblech verkehrt von Mai bis Oktober ein Pendelbus zum Kenzen, denn das Königsträßl ist heute eine breite Asphalt- und Forststraße. Wanderer können die Straße meiden, indem sie von Buching (Halblech) aus über die Leiterau (1103 m) quer durch das Lobental und schließlich auf dem Europäischen Fernwanderweg E4 zur Kenzenhütte gehen. Wer den Bus nimmt, spart allerdings den etwa 3,5 stündigen Aufstieg zur Kenzenhütte und kann dafür oben im Kenzengebiet herrliche Touren unternehmen: zum Beispiel den Kesselrundweg (3,5 Stunden) gehen oder über den Kenzensattel (1650 m) auf die Hochplatte (2081 m) oder den Gabelschrofen (1989 m) klettern. Wer mag, kann den Bus auch schon bei der Wankerfleckwiese verlassen und dort die idyllische Hochalmwiese umrunden oder den Fußweg zur Kenzenhütte (ca. 30 Minuten) am Kenzenbach entlang nehmen; dieser Weg führt direkt an den einstigen Königshäusern Ludwigs II. vorbei.

 

Kenzenhäuser – einst und jetzt
Das Kenzengebiet war seit 1799 für die königliche Hofjagd gepachtet. König Max II. ließ ein einfaches Jagdhaus errichten und erwarb die etwas höher gelegene Branntweinbrennerhütte dazu. Ludwig II. ersetzte das Jagdhaus seines Vaters bis 1871 durch ein neues „Königshäusl“. Hinzu kamen eine kleinere Unterkunftshütte für die Lakaien und ein Pferdestall. Die Häuser sollen noch 1928 renoviert worden sein, befanden sich also in gutem Zustand, als sie 1939 vom damaligen Jagdpächter Filser aus Augsburg abgerissen und durch einen Neubau (unmittelbar daneben) ersetzt wurden. Die heutige Einkehr „Kenzenhütte“ (1294 m) ist also nicht das einstige Königshäusl Ludwigs II., sondern ist die oben erwähnte alte Branntweinbrennerhütte. Immerhin gibt es noch den königlichen Pferdestall, der heute von der Bergwacht genutzt wird.

Königsbesuche im Juli
Ludwig II. besuchte seine Berghäuser alljährlich nach einem strikten Termin- und Reiseplan (→ Bergfahrten Ludwigs II.). Zum Kenzen kam er immer im Juli für ein paar Tage, bevor er seinen Sommeraufenthalt im nahen Hohenschwangau antrat. Dabei reiste er stets von Schloss Berg am Starnberger See an, blieb zwei bis drei Tage am Kenzen und ritt bzw. fuhr dann weiter. Allerdings machte der König auch manchmal Reitausflüge von Linderhof über den Ammerwald zum Kenzen.
Vom Starnberger See kommend führte Ludwigs Anreise über Steingaden. Zum Kenzenhaus hinauf benutzte er ab Halblech das „Königsträßl“ durchs wildromantische Halblechtal. Diesen Reit- und Fahrweg hatte 1859 Max II. zunächst bis zum Reiselsberg anlegen lassen, wo ein Weg zur Halbammerhütte abzweigt. Ludwig II. ließ den Reitweg 1869 vom Reiselsberg bis zum Kenzen verlängern. Um vom Kenzen nach Hohenschwangau zu gelangen, konnte der König auch einen Reitsteig durch die Berge nehmen – über die Jägerhütte (Schützensteig) zum Forsthaus Bleckenau und durch die Pöllatschlucht nach Schwangau.

 

Feuer- und Wasserzauber: Tolle Überraschung für den König
Etwa 300 Meter von der heutigen Kenzen-Einkehr entfernt stürzt ein großer, wildromantischer Wasserfall den Fels hinunter. Ludwigs Hofkoch Theodor Hierneis berichtet, wie der Förster vom Kenzen dem König einmal eine tolle Überraschung bereitete: „Eines 30. Juni fährt der König zum Forsthaus Kenzen mit seinem idyllischen Wasserfall. Der Forstmeister … hat einen reizenden Springbrunnen vor dem Försterhaus anbringen lassen, was den König so freut, daß er seinem Töchterchen eine goldene Uhr zum Geschenk macht.
Eine weitere Überraschung harrt noch des Königs! Fachleute vom Hoftheater sind anwesend und haben eine festliche Beleuchtung des Wasserfalls inszeniert. In allen Farben stürzt das schäumende Wasser herab, bengalische Feuerzauber spiegelnd und sich in einem tiefen, violett leuchtenden Bassin sammelnd. Der König läßt seinen Speisetisch vor demselben aufstellen und nimmt seine Mahlzeit in stummer Bewunderung dieses unerwarteten Schauspiels ein. Erst am Morgen kann er sich davon trennen.“
Der Förster wohnte im Forsthaus nahe der heutigen Kenzenhütte, wo ihn der König gerne besuchte. Das Haus brannte später ab, wurde aber neu aufgebaut. Teile der alten Kücheneinrichtung fanden im neuen Forsthaus Verwendung.

 


Königshaus Kenzen auf einer größeren Karte anzeigen

Literatur:
„König Ludwig II. speist.“ Erinnerungen seines Hofkochs Theodor Hierneis, hrsg. Traudl Stürmer, München (1953) 2010, 48.
Mario Praxmarer, Peter Adam, König Ludwig II. in der Bergeinsamkeit von Bayern und Tirol, Garmisch-Partenkirchen 2002, 155f.