Vorderriss

Wildromantisch: Das Königshaus in der Riß

Am Nordrand des Karwendelgebirges im oberen Isarwinkel liegt der kleine Weiler Vorderriß. Das einstige Königshaus Ludwigs II. steht auf der Anhöhe über dem Zusammenfluss von Rißbach und Isar – direkt neben dem Forsthaus, wo Schriftsteller Ludwig Thoma seine Kindheit verbrachte. Zweimal jährlich kam der König „in die Riß“. Er unterhielt sich mit dem Oberförster Max Thoma, betete in der Marienkapelle, fütterte das Rotwild und unternahm Reitausflüge ins Rißtal zum Großen Ahornboden.

Wildflusslandschaft im oberen Isartal mit Wettersteingebirge

Am Zusammenfluss von Rißbach und Isar
Vorderriß (808m) liegt am Eingang zum Tal des Rißbaches. Der rund 26 Kilometer lange Wildfluss mündet hier in einem breiten Schotterbett in die Isar. „Die Riß“ speist sich aus den Quellenbächen des Enger Grundes, einem Kar im Herzen des Karwendelgebirges. Von dort bahnt sie sich ihren Weg durch schroffes Gebirge hinab zum Isartal. Bei Hinterriß überquert sie die Grenze von Tirol nach Bayern. Anders als zu König Ludwigs Zeiten erreicht der Rißbach seinen natürlichen Bestimmungsort heute nur noch bei Schneeschmelze, Gewitter oder Dauerregen. Seit 1951 wird er nahe der Oswaldhütte (847m), oberhalb von Vorderriß, über einen 7 Kilometer langen Stollen zum Walchensee abgeleitet, um die Wassermenge für das Walchenseekraftwerk zu erhöhen. Das steinige Trockenbett des Rißbachdeltas ist Lebensraum vieler seltener Tier- und Pflanzenarten. – Die Isar passiert Vorderriß in Richtung Lenggries und Bad Tölz. Zuvor mündet sie unweit von Vorderriß in den Sylvensteinspeicher, der 1954 bis 1959 für den Hochwasserschutz im Isartal gebaut wurde.

Das Königshaus Ludwigs II.
Ludwigs Vater, Maximilian II., ließ 1841 in Vorderriß auf der Anhöhe über der Grammersau ein Jagdhaus errichten und kam alljährlich im Spätherbst zur Hochgebirgsjagd. Unter Ludwig II. wurde das Jagdhaus zum „Königshaus“ umgebaut: ein Fachwerkhaus mit überstehendem Flachsatteldach, Kniestock und verschaltem Obergeschoss sowie einem – ursprünglich dreiseitig umlaufenden – Balkon. Heute ist das Gebäude Sitz der Forstdienststelle „Vorderriß II“ (Forstamt Fall) und Wohnung des Berufsjägers.
Ludwig II. liebte die Stille und Abgeschiedenheit im oberen Isartal und im wildromantischen Rißtal, wohin er Reitausflüge unternahm. Er unterhielt sich oft mit den Jägern und Waldarbeitern und kannte sie alle bei Namen, wie Ludwig Thoma in seinen „Erinnerungen“ erzählt. Im Ort freute man sich stets, wenn der König kam – besonders die Kinder, weil der Hofkoch ihnen „Zuckerbäckereien und Gefrorenes“ schenkte, Dinge, die „uns lange Zeit als die Sinnbilder der königlichen Macht und Herrlichkeit galten.“ Den Oberförster Max Thoma ließ der König zu sich rufen, um sich bis in die frühen Morgenstunden mit ihm zu unterhalten, „vermutlich… um die Stunden herumzubringen„, weil er „schon damals an Schlaflosigkeit litt„, schreibt Thoma.

Ansichtskarte von 1907: Im Vordergrund das Gasthaus Post – auf der Anhöhe das Forstanwesen mit der kleinen Kapelle

Königliche Wildfütterung
Bei anbrechender Dunkelheit pflegte Ludwig II., die Hirsche zu füttern. Das berichtet der „Schwarze Toni“, der zu Lebzeiten des Königs die Post nach Vorderriß brachte. „Tagsüber ließ sich der König nicht viel sehen, aber bei einbrechender Dunkelheit fuhr er aus, begleitet von seinem Diener, der ihm dann zum Füttern der Hirsche und Rehe am Zaun des Waldes in gebückter Stellung das silberne, mit Zucker bedeckte Tablett reichte, so daß der König mit flacher Hand das Wild füttern konnte. Die Zeit der nächtlichen Fütterung wußte das Wild genau und es stand schon voll Erwartung und voll Zutrauen für den König am Zaun des Geheges. Daran hatte er große Freude.“ – Noch heute kann man bei Vorderriß die majestätischen Rothirsche ganz aus der Nähe betrachten. Im Winter veranstaltet die Forstdienststelle Schaufütterungen bei den rund 100 Stück Rotwild, die in Vorderriß überwintern.

Unter dem folgenden Link gibt’s Informationen zu den Schaufütterungen in Vorderriß von der Internetseite der Bayerischen Staatsforsten: Schaufuetterung_Vorderriss.pdf

Forsthaus Thoma
Unmittelbar neben dem Königshaus steht das alte Forsthaus, in dem Schriftsteller Ludwig Thoma (1867-1921) seine frühen Kinderjahre verbrachte. Sein Vater, Oberförster Max Thoma, war 1865 von Partenkirchen in die Riß versetzt worden. Der einsame Ort wurde der Familie „zur liebsten Heimat“ – bis 1873 die Versetzung nach Forstenried bei München erfolgte. Geboren wurde Ludwig Thoma allerdings nicht in Vorderriß, sondern in Oberammergau am 21. Januar 1867. Die Riß war im Winter oft von der Außenwelt abgeschnitten. So hielt es die werdende Mutter, Katharina Thoma, für sicherer, das Kind in ihrem Heimatdorf zur Welt zu bringen. Sie war eine Tochter der Oberammergauer Schwabenwirtsfamilie Pfeiffer.

Im Forsthaus Vorderriß verlebte Ludwig Thoma seine Kinderjahre von 1867 bis 1873

Tanz und Spiel im Forsthaus
Wenn Ludwig II. in Vorderriß weilte, waren seine Begleiter im Forsthaus untergebracht. Der „Schwarze Toni“ erzählt: „Als aber der Samstagabend anbrach, versammelte man sich nach getaner Arbeit in der großen Stube. Es kamen Holzknechte und Flößer mit Zither und Gitarre, spielten auf, und dann drehten sich die Paare im Tanz, der Baron mit dem Dienstmädchen und die Frau Gräfin mit dem einfachen Holzarbeiter. Dazwischen wurde gejodelt, daß es eine Freude war.“

Königskapelle
Bei den Häusern über der Grammersau steht auch die kleine Marien-Kapelle, die Ludwig II. dem Ort stiftete. Er ließ sie 1866 im neugotischen Stil über einem älteren Grundriss errichten. Die Schilde über dem Eingang mit Wittelsbacher Rauten und Ludwig-Initialen erinnern an den Bayernkönig, der auch das Innere der Kapelle ausstattete: mit einem neugotischen Hochaltar (1867) und bemalten Glasfenstern (1868). Ludwig II. soll die Kapelle auf Wunsch der Franziskanerbrüder erneuert haben, die im nahe gelegenen Hinterriß eine Expositur hatten. In der Hauschronik des „Klösterlein“ berichten die Patres von einem Besuch Ludwigs II. am 20. Juli 1865. Der König kam zu Pferde mit nur „einem einzigen Begleiter“ nach Hinterriß. Er ließ sich das dortige Jagdschloss des Herzogs von Sachsen-Coburg zeigen und sagte bei der Gelegenheit zu, „die so kleine und unansehnliche Kapelle in der Vorderriß zu vergrößern und herstellen zu lassen“. Die Chronik betont, wie freundlich der junge König auftrat und dass ihm die „romantische Gegend“ sehr gefallen habe.

Kapelle mit Ludwig-Initialen und Wittelsbacher Rauten

Gasthaus Post
Unterhalb der Anhöhe an der Isar steht das 1870 erbaute „Gasthaus Post“, das die Eltern Ludwig Thomas, Max und Katharina Thoma, bis 1873 führten. Im Gasthof pflegt man noch heute die Tradition des Hauses in der gemütlichen Thoma-Stube mit Gemälden und Erinnerungen an die Familie des Heimatdichters. Auch das Andenken an Ludwig II. wird hoch gehalten: Neben einem Porträt des Königs gibt es mehrere Bilderrahmen mit Auszügen aus Thomas „Erinnerungen“, die von den Aufenthalten Ludwigs II. in der Riß erzählen.

Blick vom Forsthaus hinunter zum Gasthaus Post Vorderriß

Dauer der königlichen Aufenthalte – eine Richtigstellung
Nicht zutreffend ist Thomas Bericht, der König habe sich „allsommerlich sechs bis acht Wochen“ in der Riß aufgehalten. Das Itinerar Ludwigs II. (Merta) belegt stattdessen, dass Ludwig nur jeweils für einige Tage im Königshaus Vorderriß Quartier nahm. Allerdings hatte die Riß einen besonderen Platz im Bergfahrtenprogramm Ludwigs II. Er kam zweimal im Jahr in die abgeschiedene Idylle: einmal zum Auftakt seiner Bergfahrten Mitte Mai, und noch einmal zu deren Abschluss Ende Oktober. Warum „erinnert“ sich Thoma an längere Aufenthalte des Königs? Liegt es nur daran, dass Thomas Kindheitserinnerungen naturgemäß ungenau sind? Denkbar ist ein weiterer Grund: Ludwig II. hatte ja ganz in der Nähe noch weitere Bergresidenzen: am Altlacher Hochkopf, am Grammersberg und am Herzogstand. Und da der König von seinen Berghütten aus häufig Reitausflüge unternahm, kam er auf diese Weise – zwar nicht länger, aber sicherlich öfter – in der Riß vorbei, als es die offiziellen Aufenthalte erkennen lassen.

Die Isar vor der Einmündung in den Sylvensteinspeicher

Ich sehn mich nach der Isar Strand
Ich sehn mich nach den dunklen Bäumen,
Ich sehn mich nach dem grünen Fluß,
Der leis in meinen Abendträumen
Gemurmelt seinen Abendgruß.
Kaiserin Elisabeth von Österreich („Sisi“) im Mai 1858

Besucher-Tipp:
Es gibt zwei Möglichkeiten, nach Vorderriß zu gelangen: Entweder über Bad Tölz und Lenggries und am Sylvensteinspeicher entlang – oder ab Kochel über den Kesselbergpass und am Walchensee entlang bis Wallgau. Von dort führt eine schmale Mautstraße durchs obere Isartal nach Vorderriß, mit grandiosen Ausblicken auf eine der letzten Wildflusslandschaften der Alpen. Wer es einrichten kann, sollte die Mautstraße an Wochenenden und Feiertagen meiden, denn sie wird dann stark von Motorradfahrern genutzt – was die Idylle etwas trübt. Der Gasthof Post Vorderriß hat einen schönen Biergarten. Nach einem Zwischenstopp lohnt sich die Weiterfahrt ins wildromantische Rißtal – an dessen Abschluss man zum Großen Ahornboden (Weltnaturerbe) und zur Eng-Alm gelangt. Auch hier gilt: Wer die Natur in Ruhe genießen will, sollte besonders die Sonn- und Feiertage meiden.

Literatur:
Barbara Schwarz, Der Isarwinkel und Bad Tölz. Ein einzigartiges Stück Bayern, München 2010.
Mario Praxmarer, Peter Adam, König Ludwig II. in der Bergeinsamkeit von Bayern und Tirol, Garmisch-Partenkirchen 2002.
Ludwig Thoma, Erinnerungen, hrsg. Hans Pörnbacher, München 1996.
Hermann M. Hausner (Hg.), Ludwig II. von Bayern. Berichte der letzten Augenzeugen, München-Salzburg 2. Aufl. 1962.


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