Hohenschwangau

Kindheit und Jugend unter Rittern und Helden

von Christian Walther

Ludwigs Vater Maximilian II. erwarb die Ruine „Schwanstein“ im Allgäu und ließ sie restaurieren. „Burg Hohenschwangau“ wurde Sommersitz der königlichen Familie. Ludwig II. verbrachte hier einen Großteil seiner Kindheit und Jugend. Hier wurzelt seine lebenslange Begeisterung fürs Gebirge und für die Welt der mittelalterlichen Sagen. Über die Schwanenrittersage wurde Ludwig zum Wagner-Fan.

Hohenschwangau – romantische Ritterburg Maximilians II.

Namensverwirrung
„Schwanstein“ ist der Name jener Burgruine, die Maximilian II. als Burg Hohenschwangau restaurieren ließ. „Hohenschwangau“ wiederum hießen ursprünglich zwei andere, nahe gelegene Burgruinen, nämlich Vorder- und Hinterhohenschwangau. Sie standen an der Stelle, wo Ludwig II. später sein weltberühmtes Neuschwanstein baute. Ludwig selbst nannte aber sein Märchenschloss gar nicht Neuschwanstein. In Kenntnis der Ortsgeschichte sprach er stets von seiner „Neuen Burg Hohenschwangau“.

Die Ruine wird entdeckt
Im April 1829 befand sich der 17jährige Kronprinz Maximilian auf einer Fußwanderung von Füssen nach Reutte in Tirol. Bei ihm waren sein Bruder Otto (späterer König von Griechenland), sein Erzieher Georg von Oettl (späterer Erzbischof von Eichstätt) und Fabrianus Graf von Pocci (Vater des „Kasperl-Grafen“ Franz von Pocci, der vierzig Kasperlstücken fürs Münchner Marionettentheater verfasste). Als die Wanderer zur verfallenen Ruine „Schwanstein“ gelangten, schwärmte Maximilian von der Idee, diese mittelalterliche Burg wieder aufzubauen. Er war begeistert von ihrer romantischen Lage auf einem Felsen (865 m) zwischen Alpsee und Schwansee vor grandioser Gebirgskulisse.

Ritterromantik im Stil des Historismus

Burgenromantik und Nationalbewegung
Mit seiner Idee, eine mittelalterliche Burgruine zu restaurieren, lag Maximilian im Trend der Zeit. – Aus der vaterländischen Begeisterung der Befreiungskriege gegen Napoleon war in den deutschen Ländern ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl hervorgegangen: die Idee der „Nation“.  Das frühe 19. Jahrhundert suchte nach Begründungen dieses Gefühls durch Rückbesinnung auf die gemeinsame Geschichte. Als Inbegriff der verloren geglaubten Werte und Ideale galt die Zeit der mittelalterlichen „Reichsherrlichkeit“. In der verklärenden Sicht der Romantik war das Mittelalter eine Zeit der Helden, des ehrlichen Kampfes, der reinen „Minne“ und edlen Gesinnung. Eine deutschlandweite Bewegung untermauerte diese Auffassung durch den Wiederaufbau alter Burgen. So ist anzunehmen, dass Maximilian die Ruine „Schwanstein“ im Allgäu – einer ausgewiesenen Burgenregion – nicht rein zufällig „entdeckte“, wie oft behauptet wird.

Die Herren von Schwangau
Burg „Schwanstein“ ist urkundlich erstmals im 12. Jahrhundert erwähnt – als Besitz der Herren von Schwangau, die Ministerialen (Reichsdienstmannen) im Dienste der Welfen und Staufer waren. Der berühmteste seines Geschlechts ist der Minnesänger Hiltpold von Schwangau (ca. 1190 – 1256), dessen Dichtungen in die Manessische Liederhandschrift eingingen. Im 13. Jahrhundert stiegen die „Schwangauer“ in den reichsfreien Ritterstand auf. Mit insgesamt sechs Burgen (Vorder- und Hinterhohenschwangau, Schwanstein, Frauenstein, Simpertsturm, Tannenburg) beherrschten die mächtigen Herren das umliegende Land, das an einer bedeutenden Fernhandelsstraße zwischen Augsburg und Italien lag (Via Claudia Augusta). 1534 kamen die letzten Söhne der Schwangauer durch Erbstreitigkeiten und Schulden auf die Gant (= sie gingen pleite); der „Schwanstein“ wurde zwangsverkauft; das Rittergeschlecht starb 1535 aus. – Überdauert hat das Wappenschild der Ritter von Schwangau: in Rot ein schwarzbewehrter silberner Schwan mit gespreizten Flügeln – das heutige Wappen der Gemeinde Schwangau.

Hohenschwangau vom Alpsee aus gesehen

Wiederaufbau im „Maximilianstil“
Drei Jahre dauerten die Verhandlungen um den Kauf der Ruine. Der Besitzer, Landkartenmacher Adolph Sommer, verlangte vom Kronprinzen 20.000 Gulden – obwohl er selbst unlängst nur 1.000 Gulden dafür bezahlt hatte. Im Oktober 1832 einigte man sich auf einen Kaufpreis von 7.000 Gulden. Die Renovierungsarbeiten begannen im Frühjahr 1833 und wurden erst 1856 abgeschlossen. Es entstand das heutige Schloss Hohenschwangau – ein Bau mit Zinnenkranz, Türmen, Mauern und Burgtor. Der neugotische Stil des Schlosses löste bei Zeitgenossen viel Kopfschütteln aus. Der Kronprinz versuchte, künstlerisch eigene Akzente zu setzen – in Abkehr von den klassizistischen Bauwerken seines übermächtigen Vaters, Ludwigs I. Maximilian entwickelte einen Stil aus Neugotik und Historismus, der so charakteristisch wurde, dass er heute als „Maximilianstil“ bezeichnet wird.

Oberbauleiter des Projekts wurde der Architektur- und Bühnenmaler Domenico Quaglio (1787-1837). Nach dessen Tod übernahm der Münchner Architekt Joseph Daniel Ohlmüller (1791–1839), und als auch dieser verstarb, führte Georg Friedrich Ziebland (1800–1873) die Arbeiten zum Abschluss. Der Schlosspark („Schwanseepark“) entstand nach Plänen des Landschaftsarchitekten Peter Joseph Lenné (1789-1866), der auch die Roseninsel im Starnberger See für Maximilian II. gestaltete.

Ludwigs Ferienprogramm in der Sommerresidenz
Hohenschwangau wurde Lieblingsresidenz der königlichen Familie. Alljährlich verbrachte man hier den Sommer. Kutschfahrten und Ausritte in die Umgebung, Schwimmen und Fischen im Alpsee, Hochgebirgsjagden und Bergtouren – ein Ferienprogramm, das Ludwig von frühester Kindheit an mit der Bergwelt vertraut machte. Beliebte Ausflugsziele der Familie waren die Ruinen Vorder- und Hinterhohenschwangau gegenüber von Hohenschwangau, das Schweizerhaus in der Bleckenau und die Ruine Falkenstein bei Pfronten.

Mit 12 Jahren auf 2047 m
Bergbegeisterung war Ludwig in die Wiege gelegt. Seine Mutter, Königin Marie (1825 – 1889), eine Prinzessin von Preußen, war eine leidenschaftliche Bergsteigerin. Wie die Schlosschronik von Hohenschwangau berichtet, erklomm Ludwig schon als 10 jähriger mit der Mutter das Älpele (1530 m). Als 12jähriger meisterte er den Säuling (2047 m) und den Tegelberg (1881m). Belegt sind auch Touren des jugendlichen Ludwig auf den Aggenstein (1986 m); über den Niederen Straußberg (1877 m) auf den Gabelschrofen (2010 m); und über die Hohe Krähe (2012 m) auf die Hochplatte (2082 m).

Ludwig erklomm schon als Kind die umliegenden Berge (Klapp-Postkarte um 1900)

Ein Schloss als Bilderbuch des Mittelalters
Die Innenräume von Hohenschwangau ließ Maximilian mit farbenprächtigen Fresken bemalen – nach Entwürfen der Historienmaler Moritz von Schwind (1804 – 1871) und Wilhelm Lindenschmit d.Ä. (1806-1848). Das gesamte Schloss ist eine bildgewaltige Themenwelt des Mittelalters – ein romantisches Bilderbuch, in dem Sagen und Mythen mit der Geschichte der Welfen, Staufer und Wittelsbacher sowie mit dem jahrhundertealten Standort der Burg „Schwanstein“ verknüpft werden. Die Zimmer des Schlosses heißen nach den Themen ihrer Wandgemälde: Im Heldensaal ist die Dietrichsage dargestellt, im Welfenzimmer die Geschichte der Welfen; im Hohenstaufenzimmer geht es um das Kaisergeschlecht der Staufer; das Tassozimmer zeigt den christlichen Epos vom „Befreiten Jerusalem“ des italienischen Dichters Torquato Tasso (1544-1595) – hier war das Schlafzimmer des Königs; der Schwanenrittersaal diente als Speisezimmer und zeigt die Sage vom Schwanenritter Lohengrin.

Postkarte von 1899: Ludwig II. als Schwanenritter Lohengrin

„Mein lieber Schwan“ – Ludwig und Lohengrin
Die Sage vom Schwanenritter ist eigentlich am Niederrhein beheimatet – doch weil die einstigen Burgherren von Schwangau einen Schwan als Wappentier führten, verlegte man die Geschichte kurzerhand an den Alpsee. Romantische Verklärung ging vor historischer Genauigkeit. – Beim Mittagessen im Schwanenrittersaal konnte sich der heranwachsende Ludwig in die Geschichte des Schwanenritters hineinträumen:

Der Ritter Lohengrin erscheint wie durch ein Wunder – in einem Boot, das von einem Schwan gezogen wird – gerade rechtzeitig, um der schönen Elsa von Brabant aus höchster Not zu helfen. Sie wird verdächtigt, ihren Bruder ermordet zu haben und soll ihr Herzogtum verlieren. Lohengrin kämpft siegreich für Elsa und heiratet sie – unter einer seltsamen Bedingung: Sie darf ihn nie nach seinem Namen fragen („Nie sollst du mich befragen…!“). Jedem ist jetzt klar, was passieren wird: Sie fragt ihn – und deshalb muss Lohengrin wieder Abschied nehmen. Vorher offenbart er sein Geheimnis: („In fernem Land, unnahbar euren Schritten…“) Er, Lohengrin, ist der Sohn des Gralskönigs Parzival! Der Gral selbst hat ihn gesandt, damit er für Recht und Tugend kämpfe! Das Schwanenboot erscheint, um Lohengrin abzuholen („Mein lieber Schwan…“) – und am Ende stellt sich noch heraus, dass der Schwan Elsas verzauberter Bruder Gottfried ist. Die arme Elsa sinkt tot in seine Arme.

Für den jugendlichen Ludwig war die Geschichte vom Schwanenritter, besonders Richard Wagners Version der Oper „Lohengrin“, eine Offenbarung, ein Lebensthema. Als das Musikdrama am 28. Februar 1858 in München aufgeführt wurde, durfte der 13jährige noch nicht ins Theater; aber er erlebte die Begeisterung seines Vaters, der vier der sechs Aufführungen besuchte. Mit 15 Jahren endlich, am 2. Februar 1861, konnte Ludwig den „Lohengrin“ zum ersten Mal selbst auf der Bühne sehen – und das war die Geburtsstunde des wohl größten Wagner-Fans, den es je gab.

Blick hinüber zum Märchenschloss Ludwigs II.

Gemütlicher als Neuschwanstein
Wegen der Nachbarschaft des weltberühmten Neuschwanstein wird Hohenschwangau von Touristen oft vernachlässigt. Dabei ist es – im Gegensatz zu den eher sterilen Schlössern Ludwigs II. – eine echte Wohnburg, die vom täglichen Leben ihrer Bewohner zeugt. Hohenschwangau diente der königlichen Familie als Ort des Privatlebens und der Erholung. Neuschwanstein dagegen war nie als gemütliche Wohnung geplant. Mit seinen Schlossbauten wollte Ludwig II. vielmehr seiner Ideenwelt repräsentative Denkmäler setzten. Die wohl meiste Zeit seines Lebens verbrachte auch Ludwig in seinem „lieben Hohenschwangau“, wo er – wie er oft betonte – das Gefühl hatte, sich besonders gut erholen zu können. Im Vergleich zu Neuschwanstein ist Hohenschwangau also der lebensnähere, authentischere Ort.

Besucher-Tipp: Tickets reservieren!
Wegen des stetig hohen Besucherandrangs bei den Königsschlössern – auch bei schlechtem Wetter – sollte man einen Besuch in Hohenschwangau und/oder Neuschwanstein gut vorausplanen. Es kommt durchaus vor, dass die Tickets für den Tag bereits ausverkauft sind oder die nächste freie Führung erst in ein paar Stunden stattfindet. Wer solche Enttäuschungen vermeiden will, der sollte die Möglichkeit nutzen, Tickets online zu reservieren.

So bleibt noch Zeit für einen Spaziergang zur Marienbrücke oder um den Alpsee, eine Busfahrt oder Wanderung zum Schweizerhaus in der Bleckenau, eine Seilbahnfahrt auf den Tegelberg – oder einen Besuch im Museum der Bayerischen Könige. Auch die Ruine Falkenstein bei Pfronten ist von Hohenschwangau aus mit dem Auto gut zu erreichen.

Ticket-Center Hohenschwangau
Alpseestrasse 12
D-87645 Hohenschwangau
Telefon: 0 83 62 – 93 08 30
Telefax: 0 83 62 – 93 08 320
Internetseite: www.hohenschwangau.de

Literatur:
Marcus Spangenberg, Ludwig II. Der andere König, Regensburg 2011. 
Franz Merta, König Ludwig II. von Bayern als Alpinist und Naturfreund, in: Berg ‘91, München u.a. 1991, 251-268. 
Dirk Heißerer, Ludwig II., Reinbek b. Hamburg 2003.
Gisela Haasen, Hohenschwangau. Vom Zauber eines romantischen Schlosses, München 1998.

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