Falkenstein-Krise

Gewaltig: Ludwigs Traum vom Falkenstein und die Finanzkrise

von Vanessa Gewehr

Der Wunsch Ludwigs II. nach Verwirklichung seiner Träume in Form von Schlossbauten nahm immer gewaltigere Ausmaße an. Falkenstein sollte – nach Neuschwanstein – ein noch größeres Bauprojekt „im Stile alter Ritterburgen“ werden. Um das Vorhaben zu verwirklichen, setzte der König einen Strohmann ein und verschleierte seine Pläne. Ludwigs finanzielle Schwierigkeiten waren inzwischen genauso groß wie seine Bauvorhaben – und der letzte Traum des „Märchenkönigs“ wurde nie Wirklichkeit.

Ruine Falkenstein (1277 m) vom Vilstal aus gesehen

Ruine Falkenstein (1277 m) vom Vilstal aus gesehen

Burgruine Falkenstein – Zeugnis längst vergangener Zeiten
Die Bezeichnung „Falkenstein“ umschreibt den aberwitzigen Ort: einem Falkenhorst gleich liegt die Burg auf dem 400 Meter senkrecht ins Tal abfallenden Felskopf des Manzenberges bei Pfronten im Allgäu. Mit 1277 Metern über Meereshöhe ist sie die höchstgelegene Burg Deutschlands. Erstmals urkundlich erwähnt wird sie als castrum Phronten im Jahre 1290. Der Name „Falkenstein“ setzte sich erst im frühen 15. Jahrhundert durch.

Um 1270 ließ der mächtige Graf Meinhard II. von Tirol die Burg errichten – als unübersehbare Drohgebärde gegenüber seinen Konkurrenten, den Bayerischen Herzögen des Hauses Wittelsbach. Die Burg eignete sich hervorragend dazu, die Fernstraße nach Italien zu sichern, damals eine wirtschaftlich bedeutende Handelsstraße über die Alpen. Doch die raue Witterung und die exponierte Lage machten den Unterhalt dieser Burg extrem teuer. Sie erwies sich auf Dauer als kaum bewohnbar. Schon Ende des 16. Jahrhunderts war sie „halb eingestürzt“. Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges (am 15. September 1646) wurde Burg Falkenstein niedergebrannt: Zusammen mit den Nachbarburgen Eisenberg und Hohenfreyberg fiel sie der „Politik der verbrannten Erde“ der Tiroler zum Opfer. Die Burgen sollten den vorrückenden Schweden nicht in die Hände fallen. Seit 1803 gehört der Falkenstein zu Bayern. Heute erinnert nur noch die Ruine an die bewegten Zeiten der Vergangenheit.

Die benachbarten Burgruinen Eisenberg und Hohenfreyberg

Die benachbarten Burgruinen Eisenberg und Hohenfreyberg

Wiederentdeckung durch Ludwig
Es war König Ludwig II., der die herrliche Lage des Falkensteins für sich entdeckte und der mitelalterlichen Ruine neue Bedeutung beimaß. Der Falkenstein ist nur etwa 12 Kilometer Luftlinie von Hohenschwangau entfernt. Schon als Kind soll Ludwig die grandiose Lage der Ruine geliebt haben. 1883 äußerte der König den Wunsch, an Stelle der Ruine ein Schloss im gotischen Stil zu errichten.

Märchenschloss oder Mini-Burg
Zunächst ließ Ludwig den Bühnenmaler Christian Jank eine „Idealansicht“ zeichnen: eine prächtige Fantasieburg mit vielen Türmchen, Erkern, Zinnen und reichlich gotischem Schmuckwerk. Dann wurde Oberhofbaudirektor Georg von Dollmann – Ludwigs leitender Architekt – beauftragt, Baupläne zu entwerfen. Gewiss: Janks „Idealburg“ war viel zu groß für das schmale Gipfelplateau des Falkensteins. Aber was Dollmann Anfang 1884 als Entwurf für ein viertes Märchenschloss ablieferte, sah so aus: Drei Zimmer. Ein Saal. Ein Turm. – Das war alles. Natürlich hatte man Dollmann bedrängt, die Ausgaben klein zu halten. Die königliche Kabinettskasse war hoffnungslos verschuldet. Doch der Monarch war verärgert über Dollmanns „Mini-Burg“. Solche burgähnlichen „Villen“ baute damals der neureiche Geldadel! – Als noch zwei weitere Vorlagen Dollmanns weit hinter Ludwigs Vorstellungen blieben, wurde der Hofbaudirektor am 1. September 1884 entlassen.

Falkenstein AK gel 1900

Falkenstein AK gel 1900

Wessen Schulden?
Die bayerischen Könige hatten seit der Verfassung von 1818 keinen Zugriff mehr auf Steuergelder. Ludwig II. bestritt seine Ausgaben aus der Hof- und Kabinettskasse, die vom Staatshaushalt strikt getrennt war. Seine Einnahmen betrugen jährlich mehr als 4,2 Mio. Mark (1 Mark damals = ca. 6 Euro heute). Zusätzlich flossen Ludwig insgesamt etwa 5 Mio. Mark geheime Zuwendungen aus Bismarcks „Welfenfonds“ zu. Aus dem Wittelsbacher Familienvermögen entnahm Ludwig zwischen 1879 und 1883 außerdem weitere 5 Mio. Mark. – Es war Ludwigs Ungeduld bei der Umsetzung der Schlossbauten, sein Umgehen der genauestens berechneten Bauzeiten und Finanzierungspläne, wodurch er sich (und seine Familie) bis zur Zahlungsunfähigkeit verschuldete.

Im Geheimauftrag Seiner Majestät
Ludwig hatte längst erkannt, dass ihm sein Hofsekretariat die Unterstützung verweigerte. Bereits am 4. Mai 1884 hatte er über einen verlässlichen Strohmann, Hauptmann Hermann Gresser, die Ruine Falkenstein für 500 Mark von der Gemeinde Steinach (Pfronten) kaufen lassen. Schon wurde mit dem Bau eines Fahrweges begonnen. Das Geld entnahm der König dem Neuschwanstein-Etat. Am 3. Juni 1884 gewährte ein Bayerisches Bankenkonsortium der königlichen Kabinettskasse ein Darlehen von 7,5 Millionen Mark. Jetzt konnte das Versteckspiel aufgegeben werden: Am 27. Dezember 1884 erwarb Ludwig ganz offiziell die Ruine Falkenstein – von Hermann Gresser, der in Anerkennung seiner diskreten Dienste zum Hofsekretär ernannt wurde.

Blick hinüber zum Aggenstein (1986 m), den Ludwig II. schon als Jugendlicher erklomm

Blick hinüber zum Aggenstein (1986 m), den Ludwig II. schon als Jugendlicher erklomm

Starke Wasserleitung
Natürlich brauchte man fließend Wasser am Falkenstein. Die Firma Wachter und Morstadt aus München erhielt den Auftrag für die Wasserleitung. 1885 entstand an der „Faulen Ach“ das Wasserhaus: massiv in Kalkstein gemauert mit farbigen Bleiglasfenstern. Hier trieb ein Wasserrad zwei Pumpanlagen an, die mit einem Druck von ca. 50 Bar 24 Liter Trinkwasser pro Minute zum 400 Meter höher gelegenen Felsplateau pumpten. Kosten: 45.000 Mark.

Ein Architekt aus Regensburg
Schon seit Juni 1884 war ein neuer Bauleiter engagiert: der Regensburger Architekt Max Schultze aus Diensten der Fürsten von Thurn und Taxis. Bezeichnenderweise griff Ludwig nicht mehr auf Leute seines eigenen Hofbauamtes zurück. Schultze fühlte sich geschmeichelt, dem hohen Bauherren dienen zu dürfen. Er richtete ein Falkenstein-Planungsbüro ein und engagierte drei Mitarbeiter.

Die Sache mit dem Schlafzimmer
Im September 1884 lieferte Schultze erste Entwürfe. Der König war an sich einverstanden – doch dann konzentrierte er sich auf das Schlafzimmer. Es sollte seiner Auffassung vom sakralen Königtum entsprechen und nahm in seinen Änderungswünschen immer größere Dimensionen an. Jede Änderung veränderte aber wieder die Statik, und Schultze musste immer neu berechnen und zeichnen. Im August 1885 war Ludwig endlich zufrieden: Das Schlafzimmer im byzantinischen Stil sollte eine Kuppel von 14 Metern Höhe und einen Grundriss von 22 mal 14 Metern haben.

Finanzkrise: Schultze gibt auf
Noch 1885 sollte der Rohbau des Schlosses fertig sein. Doch die Erweiterungswünsche des Königs hatten die Kosten von ursprünglich 1 auf 3,5 Millionen Mark erhöht. Im August wurde Schultze vom königlichen Hofbauamt schriftlich mitgeteilt, dass die Mittel der Kabinettskasse nicht ausreichten. Daraufhin gab Schultze den Planungsauftrag an das Königliche Baubüro in München ab – und stellte 12.000 Mark in Rechnung.

Die kühne Lage der Burg begeisterte Ludwig II.

Die kühne Lage der Burg begeisterte Ludwig II.

Auf den Arm genommen?
Ab August 1885 übernahm also wieder das königliche Hofbauamt das Falkenstein-Projekt. Doch seltsam: Auf einmal nahm Hofbaudirektor Julius Hofmann (Dollmanns Nachfolger) überhaupt keine Rücksicht mehr auf die Kosten. Hofmanns Entwurf vom 16. Januar 1886 geht über Schultzes Pläne noch weit hinaus. Auf alle Wünsche des Königs ging Hofmann bereitwillig ein und legte im März und noch im Juni 1886 – kurz vor der Katasrophe, die zum Tod des Königs führte – größere Entwürfe vor.

Kein Geld mehr für Ludwig
Indessen versuchte der König vergeblich, an Geld zu kommen. Vielversprechend schien ein Angebot Hermann Kleebergs (1840-1896). Dieser Direktor einer Frankfurter Versicherungsgesellschaft hatte dem bayerischen Gesandten Welker schon im Sommer 1885 erklärt, dass er dem bayerischen König eine Anleihe von 20 Mio. Mark beschaffen könne. Da das Geschäft nicht zustande kam, intervenierte Kleeberg noch am 19. Mai 1886 bei Bismarck. Er habe, so schrieb er dem Kanzler, den Eindruck, dass ein „eigentümliches Spiel“ mit dem bayerischen König getrieben werde. „Gewisse Persönlichkeiten“ wollten anscheinend gar nicht, dass dem König geholfen werde. – Ludwigs gescheiterte Versuche, an Geld zu kommen, änderten nichts an seiner starrsinnigen Haltung. Er sah nicht ein, als König sich Sparpläne vorschreiben zu lassen und drohte damit, die Minister abzusetzen.

Nach dem tragischen Tod Ludwigs II. am 13. Juni 1886 wurde das Projekt Falkenstein eingestellt. Ludwigs letztes Bauvorhaben blieb ein Traum, der nie Wirklichkeit wurde.

Die Büste beim Aufstieg zur Burgruine erinnert an Ludwigs hochfliegende Pläne

Die Büste beim Aufstieg zur Burgruine erinnert an Ludwigs hochfliegende Pläne

Besucher-Tipp
Burgruine Falkenstein in der Burgenregion Allgäu eignet sich prima für einen Familienausflug: Von Pfronten im Allgäu (Ortsteil Steinach) aus ist die Anfahrt ausgeschildert. Das letzte Stück hinauf zum Gipfel führt über eine schmale und steile Mautstraße, die nur einspurig befahrbar ist. Deshalb ist die Auf- bzw. Abfahrt nur jeweils einmal pro Stunde für ca. 10 Minuten möglich. (Geregelt wird der Verkehr über eine Anzeige.) Die Besichtigung der Burgruine ist kostenfrei. Vom Burghotel aus führt ein steiler Stufenweg ca. 50 Meter hinauf zur Ruine, wo sich ein atemberaubender Rund- und Fernblick bietet. Anschließend lädt die Sonnenterrasse des Burghotels zum Verweilen ein. Dort gibt es auch einen kleinen Museumspavillon, der über die Geschichte der Burg informiert.

Pfronten im Allgäu am Fuße des Falkensteins

Pfronten im Allgäu am Fuße des Falkensteins

Literatur:
Gemeinde Pfronten (Hg.), Des Märchenkönigs letzter Traum. Schloß Falkenstein. Pläne und Skizzen. Geschichte und Geschichten der Burgruine Falkenstein Pfronten von Adolf und Annemarie Schröppel und Manfred Einsiedler, Pfronten o.J. (1985).
Joachim Zeune, Burgenregion Allgäu. Der Burgenführer, Nesselwang 2008.
Marcus Spangenberg, Ludwig II. Der andere König, Regensburg 2011, insbes. 140-143.
Ludwig Hüttl, Ludwig II. König von Bayern, München 1986, bes. Kap. Finanzprobleme, Kap. Entmüdigung, 333-412.