Wintergarten

Ludwigs indisches Dschungelparadies auf der Residenz

von Evi Reicheneder

Eines der sensationellsten Bauwerke Ludwigs II. war der monumentale Wintergarten auf dem Dach der Münchner Residenz. Das orientalische Dschungelparadies mit exotischer Flora und Fauna galt damals als Wunderwerk der Technik und Gartenbaukunst. Ludwig nutzte die „Himalaya-Landschaft“ als Rückzugsort und als Kulisse für Künstlervorträge. Die Sängerin Josephine Schefzky ging dabei baden …

Nordwestecke der Residenz mit Blick zur Theatinerkirche: links im Bild auf dem Flachdach befand sich der Wintergarten

Der sagenhafte Wintergarten Ludwigs II. befand sich über dem Festsaalbau der Münchner Residenz. Das gesamte Flachdachgelände, das an die Dachgeschoßwohnung des Königs im Nordwestpavillon anschloss, war mit einem riesigen, freitragenden Tonnengewölbe aus Glas und Eisen überspannt.

Vorbilder: Glaspaläste von London und Paris
An vielen Fürstenhöfen Europas kam ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine neuartige Eisen-Glas-Konstruktion zum Einsatz, um Palmenhäuser und tropische Paradiesgärten zu errichten. Vorbilder waren die gigantischen Glaspaläste der Weltausstellungen in London 1851 („Kristallpalast“) und Paris 1867. Ludwig II. hatte die gläserne Halle des Architekten Gustave Eiffel, des späteren Schöpfers des Eiffelturms, selbst bewundert, als er die Pariser Weltausstellung besuchte.

Zu weit weg: Der Wintergarten des Vaters
Schon Ludwigs Vater, König Max II., hatte 1851 einen Wintergarten auf das Dach der Münchner Residenz bauen lassen – der erst 1924 abgerissen wurde. Der stattliche Grundriss jenes Dachgartens von 62 mal 33 Metern hätte Ludwig II. gefallen können. Doch die Lage an der Südostecke der Residenz, auf dem Verbindungstrakt zum Nationaltheater am Max-Josef-Platz, war für Ludwigs Geschmack zu weit entfernt von seiner Wohnung im Obergeschoß des Nordwestpavillons. Außerdem entsprach die Konstruktion nicht den neuesten Möglichkeiten der Architektur.

Alte Postkarte mit Aquarell von Fritz Bergen um 1890 – der Künstler versetzte den König in eine nachgebaute Kulisse von 1887

Vom Dachpavillon zum Glasgewölbe
Schon im Mai 1867 hatte Ludwig den Bau eines gläsernen Dachpavillons angeordnet, der direkt an sein Appartement anschloss und zunächst nur 30 Quadratmeter groß sein sollte. Doch kaum verwirklicht, ließ der König – wohl inspiriert von seinem Besuch der Weltausstellung im Juli 1867 – größere Pläne vorlegen, die unter Leitung des Hofbaudirektors Eduard Riedel (1813-1885) verwirklicht wurden. Am Ende erstreckte sich der neue Wintergarten über eine Fläche von 80 mal 17 Metern – die volle Länge und Breite des Festsaaltraktes, insgesamt über 1300 Quadratmeter. Um nun dem schlauchartigen Charakter entgegenzuwirken, musste ein 13 Meter tiefer Querflügel ergänzt werden, für den man im Kaiserhof, einem Innenhof der Residenz, einen Unterbau ansetzte. Über dem ganzen Gelände wölbte sich eine halbrunde, bis zu 9 Meter hohe, freitragende Überdachung aus Glas und Guss- bzw. Schmiedeeisen. (Der erste Dachpavillon wurde nach Berg verbracht und im Schlosspark aufgestellt.)

Innenausstattung: fantastische Urwaldlandschaft
Das Innere des Wintergartens glich einem indischen Dschungel: ein dichtes Arrangement exotischer Pflanzen mit Bananenstauden, Dattel- und Yuccapalmen, Lianen, Bambus, Agaven, bunten Orchideen und Kakteen. Ein kleiner Bach stürzte in Kaskaden über eine künstliche Felswand mit Tropfsteingrotte, floss weiter quer durch den Wintergarten und speiste einen künstlichen See (ca. 21 x 12 Meter groß und 1,24 Meter tief). Gewundene Wege mit Brücken über den Bach und ein Laubengang aus vergoldetem Metall durchzogen die paradiesisch anmutende Landschaft. Die Exotik betonten ein Maurischer Kiosk und eine Fischerhütte aus Binsenrohr mit Palmenblätterdach. Ein besonderer Blickfang war das blauseidene indische Fürstenzelt, dessen Inneres mit einem kostbar geschnitzten Elefantenthron und Löwenfell ausgestattet war. Im März 1871 war das Innere des Wintergartens fertig. Hofgartendirektor Carl von Effner erhielt dafür das Ritterkreuz vom Verdienstorden des Hl. Michael.

Die Postkarte aus dem Jahr 1900 zeigt Ludwig II. in seinem „Dschungel“

Tierisches Vergnügen
Um die Illusion perfekt zu machen, wollte Ludwig auch lebendige, exotische Tiere in seinem Paradies unterbringen. Er dachte dabei an lustig springende Gazellen und einen jungen Elefanten! Man konnte den König überzeugen, davon abzusehen – weil so ein Elefant doch zu groß wird. Immerhin gab es echte Schwäne und Goldfische für den See, Pfauen stolzierten umher, und im Geäst tummelten sich Papageien. Gottfried von Böhm berichtet, dass die Papageien bald lernten, das laute Lachen des Königs nachzuahmen – täuschend echt. Laut Prinzessin Maria de la Paz sagte einer der Vögel sogar „Guten Abend“.

Technische Raffinessen
Zum Betrieb des Wintergartens war eine Dampfmaschine notwendig, die das benötigte Frischwasser auf das Dachgeschoß der Residenz pumpte. Beheizt wurde die Tropenlandschaft mit einer Kanalheizung, die pro Jahr ca. 4385 Ster (Raummeter) Brennholz verbrauchte. Das Wasser des Sees ließ sich von unten her elektrisch beleuchten und durch eine Wellenmaschine in Bewegung versetzen.

Wintergarten exklusiv
Der Zutritt zum königlichen Zaubergarten war – außer Hofgärtnern und Dienstpersonal  – nur wenigen vergönnt. Ludwig hielt sich meist allein dort auf, um zu lesen. Auserwählte Verwandte und Freunde durften das exotische Paradies bestaunen, darunter die Kinder der Kaiserin Elisabeth von Österreich („Sisi“), Prinzessin Gisela und Kronprinz Rudolf. Für letzteren gab der König im März 1880 ein Fest im Wintergarten, bei dem sechzehn Musiker des 2. Infanterieregiments „Kronprinz“ aufspielten. Am 11. Mai 1883 lud Ludwig seinen Lieblingscousin Prinz Ludwig Ferdinand und dessen frisch angetraute Frau, die spanische Prinzessin Maria de la Paz, zu einem Souper in den Wintergarten ein. „Mein Gott, das ist doch ein Traum“, soll die Prinzessin ausgerufen haben. Sie war so verblüfft und verzaubert von dem Erlebnis, dass sie es in einem langen Brief an ihren Bruder, den König von Spanien, ausführlich schilderte. An jenem Abend pflückte sie eine Blüte im Wintergarten, die sie trocknete und bis zu ihrem Tod aufbewahrte.

Die Lithographie aus dem Jahr 1897 zeigt die Residenz noch mit Wintergarten

Lustige Geschichten vom Wintergarten
Die Exklusivität des Wintergartens steigerte natürlich die Neugier der Ausgeschlossenen. Laut Luise von Kobell, der Frau des Kabinettsekretärs Eisenhart, soll es mehrfach vorgekommen sein, dass hochgestellte Persönlichkeiten sich heimlich – als Gärtner verkleidet – einschleusen ließen, nur um den legendären Garten einmal sehen zu können.

Manchmal ließ der König Sänger oder Schauspieler der Hofbühne zum Vortrag in den Wintergarten kommen, darunter den Kammersänger Franz Nachbauer, die Schauspielerin Lila von Bulyovszky oder die Wagner-Sängerin Josephine Schefzky (1843-1912). Beide Damen sollen sehr für den König geschwärmt haben. Frau Schefzky war von recht „kompakter“ Statur. Ludwig II. schätzte ihre Stimme und Schauspielkunst. Bei einem ihrer Vorträge im Wintergarten stürzte sie (sich) in den künstlichen See! Doch der König eilte nicht zur ihrer Rettung – wie es die Schefzky wohl bezweckt hatte –  sondern läutete ungerührt nach einem Diener, der die triefende Dame aus dem Wasser zog.

Ansichtskarte um 1900

Ansichtskarte um 1900

Das Ende des Wunderwerks und die Überreste
Mit dem Tod Ludwigs II. am 13. Juni 1886 kam auch das Ende des Wintergartens. Der Unterhalt war kostspielig, und die Feuchtigkeit im Gemäuer der Residenz bereitete seit langem Probleme. Schon am 30. Juni 1886 wurde das Wasser des Sees abgelassen, der Garten weitgehend ausgeräumt und die Pflege eingestellt. Als im August Ludwigs Schlösser (Linderhof, Neuschwanstein u.a.) und der Wintergarten der Öffentlichkeit präsentiert wurden, bot sich laut Zeitungsberichten ein trostloses Bild aus vertrocknetem und kränkelndem Grün. 1887 schloss man den Garten wieder und räumte ihn vollständig aus. Die Eisen-Glas-Konstruktion wurde 1896 abmontiert. Die Nürnberger Maschinenbaufirma Klett & Comp., die sie erbaut hatte, kaufte sie zurück und nutze sie als Lehrlingswerkstatt auf ihrem Werkgelände, wo sie im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört wurde. Der Anbau im Kaiserhof der Residenz verschwand, als man 1950 die Kriegsfolgen beseitigte. – Was blieb? Nur der Kahn, mit dem der König einst über den künstlichen See fuhr, die getrocknete Blüte der Prinzessin Maria de la Paz und ein paar kleine Eisenteile haben die Zeit überdauert. Sie werden im Museum Herrenchiemsee aufbewahrt.

Literatur:

Jean Louis Schlim, Ludwig II. Traum und Technik, München 2010.
Hans F. Nöhbauer, Auf den Spuren König Ludwigs II. Ein Führer zu Schlössern und Museen, Lebens- und Erinnerungsstätten des Märchenkönigs, München (3. Auflage) 2007.