Die Seeshaupter Post

Ludwigs „letzter Trunk bei seinem Volke“ in Seeshaupt

von Julia Mayr

Der Konvoi mit dem gefangenen König traf am 12. Juni 1886 gegen 10.30 Uhr in Seeshaupt ein. Hier reichte ihm die Postgastwirtin das berühmte „letzte Glas Wasser“ auf der Fahrt von Neuschwanstein nach Berg. Am Tag darauf fand Ludwig II. den Tod im Starnberger See. Seeshaupt und der Gasthof zur Post gehören zu den letzten Orten, wo Ludwig II. noch lebend von seinen Gebirglern gesehen wurde. 

Blick von Seeseiten nach Seeshaupt am Südende des Starnberger Sees

Blick von Seeseiten nach Seeshaupt am Südende des Starnberger Sees

Seeshaupt wird „Sommerfrische“
Die „Post“ in Seeshaupt war seit Generationen im Besitz der Familie Vogl, als Mitte des 19. Jahrhunderts der Starnberger See touristisch erschlossen wurde. 1851 lief das erste Dampfschiff, die „Maximilian“, vom Stapel der Starnberger Werft; 1854 wurde die Eisenbahnstrecke München-Starnberg eröffnet. Immer mehr Ausflügler und Sommerfrischler kamen nun auch zum Südende des Starnberger Sees nach Seeshaupt, das damals ein kleines Fischerdorf war. „Wo soll ich all die Maßkrüge hernehmen?“, soll der Wirt Rasso Vogl angesichts des Ansturms ausgerufen haben. Das lüftlbemalte Gasthaus auf dem Höhenrücken nahe dem Dampfersteg entwickelte sich schnell zu einem blühenden Vorzeigebetrieb.

Aufstieg zur „Königlichen Posthalterei“
1857 erhielt Rasso Vogl die Genehmigung, bei seinem Gasthof eine „königliche Poststallung und Postexpedition“ einzurichten. Der „Gasthof zur Post“ wurde zu einer bedeutenden Relais-Station, einer Pferde- und Wagenwechselstation, am Postweg ins Oberland. Postwirt Rasso Vogl bewirtete viele berühmte Gäste. Die Familienchronik erwähnt Prinz Alfons von Bayern, die Herzogin von Genua und natürlich Ludwig II.

Die Lüftlmalerei an der heutigen "Seeresidenz" erinnert an die historische Posthalterei (1857-1925)

Die Lüftlmalerei an der heutigen „Seeresidenz“ erinnert an die historische Posthalterei (1857-1925)

König Ludwig zu Gast
Ludwig II. nutzte das Postgasthaus in Seeshaupt regelmäßig, denn es lag am Weg zwischen Berg und seinen Schlössern und Bergresidenzen. Eine Kutschfahrt von Neuschwanstein nach Berg dauerte damals etwa acht Stunden. Man wechselte alle zwei Stunden die Pferde und gönnte sich eine Pause. Bei den Wirtsleuten Vogl war der König gern gesehen. Für seine Aufenthalte war im ersten Stock das „Königszimmer“ reserviert. Mit der Zeit entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis zur Familie Vogl, denn Ludwig II. war – wie immer wieder berichtet wird – dem Gebirgsvolk gegenüber durchaus nicht „menschenscheu“, sondern sehr leutselig. Postwirtin Anna Vogl soll, so berichtet eine Nachfahrin, sogar des Öfteren für Ludwig II. Briefe an Kaiserin Sisi nach Feldafing gebracht haben.

Ansichtskarte von 1898

Ansichtskarte von 1898

12. Juni 1886: Der königliche Gefangene trifft ein
Der Konvoi, der an jenem Pfingstsamstag 1886 um 10.30 Uhr in Seeshaupt eintraf, bestand aus drei Wagen. Um 4 Uhr früh war man in Neuschwanstein losgefahren. Dreimal wurden die Pferde gewechselt: in Steingaden, Peißenberg und Seeshaupt.
Im ersten Wagen saßen Assistenzarzt Dr. Müller, ein Kammerdiener und zwei Irrenpfleger. Der verantwortliche Arzt Dr. Gudden, der Gendarmeriehauptmann Horn und zwei weitere Pfleger fuhren im dritten Wagen.
In der mittleren Kutsche saß der König – allein. Die Türe war abgeschlossen, der innere Türgriff abmontiert. Der Oberpfleger fuhr auf dem Kutschbock mit; nebenher ritt ein Stallbediensteter, der den König nicht aus den Augen ließ. An alles war gedacht – nur nicht daran, dem König auf der achtstündigen Fahrt von Neuschwanstein nach Berg etwas zu essen oder zu trinken anzubieten.

Das „letzte Glas Wasser“ in Seeshaupt
Während die Pferde gewechselt wurden, winkte der in seiner Kutsche eingesperrte König die Posthalterin Anna Vogl heran und bat sie um ein Glas Wasser. (Schon beim ersten Pferdewechsel in Steingaden hatte Ludwig den dortigen Wirt um etwas zu trinken gebeten; aber der Wirt hatte sich der Kutsche nicht nähern dürfen. Das Glas wurde dem König von einem Begleiter des Konvois gereicht. In Seeshaupt war man offenbar nicht mehr so streng.) Die Postwirtin Anna Vogl trat an die Kutsche heran und gab dem König das Glas persönlich in die Hand. Ludwig trank es rasch aus und sagte dreimal: „Danke! – Danke! – Danke!“

Ein geheimes Codewort?
Der dreifache Dank des Königs wurde später als Codewort gedeutet. Ludwig soll damit der Postgastwirtin ein geheimes Zeichen gegeben haben, dass er mit einem bestehenden Plan zu seiner Befreiung einverstanden war. Der Fluchtplan wird Ludwigs Adjutanten und letztem Vertrauten Graf von Dürckheim-Montmartin nachgesagt. Auch Kaiserin „Sisi“, die sich am Starnberger See aufhielt, soll davon gewusst haben. Angeblich soll Anna Vogl unmittelbar nach Abfahrt des Konvois die Nachricht an die Kaiserin nach Feldafing weitergeleitet haben.

Ansichtskarte von 1909

Ansichtskarte von 1909

Der mutmaßliche Fluchtplan
Dürckheim soll beim Freiherrn Beck von Peccoz in Eurasburg vier Kutschen bestellt haben, die an vier Orten am See – in Leoni, in Ammerland, in Ambach und in Seeshaupt – bereit standen. Der König hätte nach erfolgreicher Flucht zu einer der vier Kutschen gerudert werden sollen, je nachdem, welcher Ort am sichersten schien. Am Starnberger See erzählt man sich bis heute Geschichten von Leuten, die eine der Kutschen oder wenigstens Wagenspuren gesehen haben wollen. Auch Boote sollen an jenem Tag vermehrt den See nahe Schloss Berg gekreuzt haben. Der in Schloss Berg anwesende Stabskontrolleur Zanders berichtet, der König habe am Nachmittag des 13. Juni von ihm genau wissen wollen, wie viele Gendarmen im Schlosspark seien, ob sie scharf geladen hätten und gegebenenfalls auf ihn schießen würden. Laut Aussage des Pflegers Mauder, verlangte der König gegen 5 Uhr ein Opernglas und beobachtete damit eingehend den See. Insgesamt ist die Quellenlage dünn, vage und widersprüchlich. Einen stichfesten Beweis, dass es den Fluchtplan tatsächlich gegeben hat, gibt es bis heute nicht.

Der Damperfsteg von Seeshaupt liegt nahe dem einstigen Postgasthof

Der Damperfsteg von Seeshaupt liegt nahe dem einstigen Postgasthof

Die verschwundene „Reliquie“
Anna Vogl hielt das „letzte Glas“, aus dem der König getrunken hatte, bis an ihr Lebensende in Ehren, bewahrte es „gleich einer Reliquie“ auf, heißt es in der Seeshaupter Chronik. Am Ende des Zweiten Weltkrieges ging das Glas verloren. Es wird vermutet, dass die amerikanischen Truppen, die im April 1945 in Seeshaupt einzogen und das Hotel beschlagnahmten, das Glas entwendeten. Um 1890 entstand über „König Ludwigs letztes Glas“ ein Volkslied (Text siehe unten).

Die neue „Alte Post“
Die Tradition der Seeshaupter Posthalterei reicht zurück bis ins Jahr 1499, wo sie erstmals urkundlich als „Taverne zu Seeshoibit“ erwähnt wird. Für insgesamt fünf Generationen, bis zum Jahr 1980, war das Haus im Besitz der Familie Vogl. 1992, nach mehreren Pächterwechseln, wurde das sanierungsbedürftige Gebäude abgerissen. Dank einer Bürgerinitiative konnte der alte Postsaal erhalten werden. Alle ürigen Gebäudeteile wurden 1999 durch einen Neubau, die „Seeresidenz Alte Post“, ersetzt.

„König Ludwigs letztes Glas“

Volkslied um 1890

Es kommt so mancher Gast zu mir
zur Post oft nach Seeshaupt,
Und macht sich ein Vergnügen hier
Wie’s Brauch ist überhaupt.
Doch einmal fuhr ein Wagen vor,
Vergeß‘ mein Leben nicht,
Ein traurig Antlitz schaut hervor,
Voll Wehmut zu mir spricht:
„Bringt ein Glas Wasser mir heraus!“
Das letzte wohl – mein König tranks hier aus.

Das Glas hat für mich großen Wert,
Ein Kleinod bleibt es mir;
Mein König hat nach ihm begehrt,
Drum bleibt’s des Hauses Zier.
Bevor in’s Wellengrab er sank,
Von Geistesnacht umhüllt,
Nahm er daraus den letzten Trank,
Sein Wunsch ward ihm erfüllt.
Und seine Träne fiel hinein,
Eine Perle soll dem Glas sie sein.

Drum schätz‘ ich dieses Glas so hoch,
Als Kleinod für mein Haus.
Ein Schatz bleibt es dem Enkel noch,
Mein König trank daraus.
Ein Fürst, der von dem Volk geliebt,
Wohl keiner so wie er.
Drum bin ich heut so tief betrübt,
Schon lange ist’s nun her,
Da kam zuletzt er vor mein Haus,
das letzte Glas – mein König trank’s hier aus.

Literatur:

Hans F. Nöhbauer, Auf den Spuren König Ludwigs II., München 3. Aufl. 2007 (1986).
Susanne Westendorf, Das Starnberger See Buch. Eine Tour um den See, München 1995.

Manfred Hummel, Rund um den Starnberger See. Eine nicht alltägliche Entdeckungsreise, München 2011.
Artikel „Des Kinis letztes Glas Wasser“, in: Weilheimer Tagblatt, 11. Juni 2011.