Herzogstand

Der Herzogstand: „Königstand“ Ludwigs II.

von Julia Saggerer und Anna Mühlenbeck

Der Herzogstand war ein Lieblingsberg Ludwigs II. Am Herzogstandsattel (1575 m) ließ Ludwig ein großes „Königshaus“ errichten – mit Aussichtsplattform auf dem Dach. Das unvergleichliche Alpenpanorama konnte der König auch von drei Pavillons auf den umliegenden Berggipfeln aus genießen. Die Erinnerung an Ludwig II. ist am Herzogstand noch lebendig, auch wenn hier kaum etwas aus der Zeit erhalten ist.

Blick über den Walchensee: am Südufer der bewaldete Altlacher Hochkopf

Der Bergstock mit Herzogstandgipfel, Martinskopf und Fahrenbergkopf hieß früher „Farchenberg“. Die Umbenennung in „Herzogstand“ geht zurück auf die Bayernherzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. des 16. Jahrhunderts. Sie waren leidenschaftliche Jäger und bevorzugten das Gebiet für die Ansitzjagd. Ludwig II. verabscheute die Jagd. Er liebte den Herzogstand wegen des unvergleichlichen Ausblicks, dem er sich hier hingeben konnte.

Königliches Bergpanorama
Der Rundumblick vom Herzogstand ist phantastisch: Nach Norden hin liegt dem Betrachter der Kochelsee zu Füßen; dahinter blickt man weit ins bayerische Alpenvorland bis zum Starnberger See und Ammersee, dazwischen die kleine Erhebung des Heiligen Berges von Kloster Andechs. An klaren Tagen reicht die Sicht bis nach München. Nach Süden hin glitzert tief unten der türkisblaue Walchensee vor einem grandiosen Alpenpanorama. Der Blick geht über Karwendel- und Wettersteingebirge bis zum Alpenhauptkamm.

Ludwig schätzte besonders den Sichtkontakt zu seinen anderen Lieblingsbergen: zum bewaldeten Altlacher Hochkopf und zum Grammersberg am gegenüberliegenden Ufer des Walchensees, zur quer gerippten Pyramide der Soiernspitze und zur Schöttelkarspitze im Vorkarwendel, zum Pürschling in den Ammergauer Alpen und zur Schachenalpe am Wettersteinmassiv.

Kochel und Walchensee AK gel 1913

Kochel und Walchensee AK gel 1913

Vom Jagdhaus zur Bergresidenz
Das Jagdhaus, das Ludwigs Vater Max II. 1857 hier erbaut hatte, genügte dem jungen König nicht. Er ließ 1866 oberhalb davon, auf dem Herzogstandsattel (1575 m), ein größeres „Königshaus“ errichten. Den Auftrag bekam Zimmermeister Paul Schwarzenberger aus Lenggries. 1867 war das Haus mit acht Zimmern bezugsfertig. Es stand auf einem gemauerten Steinsockel mit umlaufendem Holzgeländer und Veranda. Eine aufwendige Kassettendecke zierte das Königszimmer. Der Clou war eine quadratische Aussichtsplattform auf dem Dach des Hauses.

Seltene Lithographie von 1895: Königshaus noch mit Aussichtsplattform

Seltene Lithographie von 1895: Königshaus noch mit Aussichtsplattform

Auf den drei umliegenden Gipfeln ließ der König Aussichtshütten errichten – auch als Pavillon, Belvedere oder Windhütte bezeichnet: 1866 auf dem Herzogstandgipfel (1731 m), 1877 auf dem Fahrenberg (1627 m) und 1882 auf dem Martinskopf (1674 m). Diese Hütten verfügten über Tisch und Stühle, denn Ludwig liebte es, dort zu lesen und die Aussicht auf sich wirken zu lassen. Der Pavillon auf dem Martinskopf wurde sogar als „Speisehäuschen nebst Kochhütte“ ausgeführt. So musste der König zum Essen nicht extra zum Königshaus hinabsteigen. Heute gibt es nur noch am Hauptgipfel eine achteckige Aussichtsrotunde.

Die Häuser am Herzogstandsattel um die Jahrhundertwende (Ansichtskarte von 1902)

Ludwig besucht den Herzogstand
Ludwig übernachtete erstmals vom 12. bis 16. Juli 1867 im Königshaus am Herzogstand. Danach bekam der Berg einen festen Platz im Rahmen seiner regelmäßigen Gebirgsaufenthalte. Einem stringenten Plan folgend besuchte Ludwig alljährlich Mitte Juli für ein paar Tage den Herzogstand – zum letzten Mal 1885. Im Jahr darauf starb der König am 13. Juni.

Hinterlassenschaft des Königs 1886
Bei Ludwigs Tod 1886 umfasste die Hinterlassenschaft: das Königshaus, das Jagdhaus des Vaters mit Stallungen und Remise sowie die drei Gipfelpavillons. Der Deutsche Alpenverein (Sektion München) pachtete die Häuser von 1887 bis 1959. Dann verkaufte der Freistaat Bayern sie in Privatbesitz. Seither bewirtschaftet die Familie Zauner aus Kochel den Herzogstand.

Blick vom Herzogstandsattel über den Isartalboden mit Wallgau, Barmsee und Krün

Blitzschläge zerstören Jagdhaus und Pavillons
Auf die Sturm- und Blitzschlaggefahr am exponierten Herzogstand hatte schon der königliche Revierförster Andreas Bräu aus Altlach hingewiesen, als er 1865 ein Gutachten zum königlichen Bauvorhaben erstellte.
Zuerst brannte 1895 bei einem Gewitter das Jagdhaus Max II. nieder. Es wurde nicht wieder errichtet. Dafür baute man 1896 quer zum Königshaus am Sattel ein Gasthaus. Mit dem einsetzenden Tourismus (die Königszimmer waren ab 1887 zu besichtigen) diente das Königshaus als zusätzliches Schlafhaus. Die Aussichtsplattform auf dem Dach wurde abgebaut.

Zwei der Pavillons verbrannten nach Blitzschlag: 1893 der auf dem Martinskopf, 1895 der auf dem Herzogstandgipfel. Die Windhütte auf dem Fahrenbergkopf wurde nach der Jahrhundertwende abgetragen und bei den Häusern am Sattel als Mulistall verwendet. Nur der Herzogstand-Pavillon wurde 1898 neu errichtet und wird bis heute in Stand gehalten.

Die Katastrophe von 1990
Von den Gebäuden Ludwigs II. am Herzogstand ist heute keines mehr erhalten. Im November 1990 kam es wegen eines defekten Kamins zu einem katastrophalen Großbrand. Alle Häuser am Herzogstandsattel – auch das historische Königshaus – wurden ein Raub der Flammen. Das heutige, neu erbaute Berggasthaus wurde 1992 eröffnet. Immerhin steht es noch auf historischem Fundament: Der Steinsockel des Königshauses aus dem Jahr 1866 hielt der Katastrophe stand.

Das heutige Herzogstandhaus wurde 1992 neu eröffnet

Ludwigsbüste beim Berggasthaus
Eine Bronzebüste Ludwigs II. befindet sich etwa 15 m vom Berggasthaus am Herzogstandsattel entfernt. Sie ist 60 cm groß und steht auf einem 1,50 m hohen Sockel. 1986 anlässlich des 100. Todestages wurde sie errichtet – an einer Stelle, wo der König seinerzeit oft gesessen und die Bergkulisse genossen haben soll. Als Inschrift steht auf der Tafel:

SM KÖNIG LUDWIG II / zum 100. Todestag / 13. Juni 1986 / Dem Freunde des Herzogstandes / Unserem unvergessenen König / Gemeinde Kochel am See / König Ludwig Club München

Ludwigbüste mit Fernsicht: Das Denkmal wurde 1986 zum 100. Todestag des Königs errichtet

Der Reitsteig vom Kesselbergpass
Ludwigs Vater hatte schon 1858 einen Reitsteig zum Herzogstand bauen lassen. Für die Baumaßnahmen des Jahres 1866 ließ Ludwig II. diesen Reitweg zum Fahrweg ausbauen. Er beginnt am Kesselbergpass (858 m) und führt 6 Kilometer zum Herzogstandsattel (1575 m) hinauf. Die Höhendifferenz von 717 m kann man zu Fuß bequem in zwei Stunden überwinden – bei herrlichem Ausblick auf den Walchensee.

Da der König in jungen Jahren ein sportlicher Reiter war, ritt er bis 1870/71 selbst zu seinen Berghäusern. Dann musste er wegen eines Leistenbruchs meist mit dem zweirädrigen Bergwagen hinaufgebracht werden. Auch auf sein zunehmendes Körpergewicht wird in der Literatur oft verwiesen. Eine Tagebucheintrag des Königs vom 31. Oktober 1880 belegt, dass er auch später durchaus noch selbst vom Kesselberg „dem Herzogstand zu“ geritten ist.

Der königliche Reitweg führt vom Kesselberg hinauf

Literatur:

Jost Knauss, Siegfried Zauner, Der Herzogstand zwischen Kochel- und Walchensee. Alte und neue Informationen zur Geschichte des berühmten Berges. Eine Dokumentation. (Mitteilungen des Vereins für Heimatgeschichte im Zweiseenland Kochel e.V.), Kochel 2010.

Mario Praxmarer, Peter Adam, König Ludwig II. in der Bergeinsamkeit von Bayern und Tirol, Garmisch-Partenkirchen 2002.

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