Historismus

Neuschwanstein im Glanz vergangener Architekturepochen

von Vanessa Gewehr

König Ludwig II. verspürte neben der Begeisterung für die Neuentwicklungen den Drang nach einer Rückorientierung zu den älteren Kunstepochen, die er auch im Bereich seiner Bauvorstellungen verwirklichen wollte. Schloss Neuschwanstein gilt als Sinnbild für die Wiederaufnahme der romanischen Bauvorstellung.

Im romanischen "Style" erbaute Schloss Neuschwanstein


Der Historismus stellt die Wiederaufnahme älterer Kunstepochen dar. Er „imitiert“ Elemente aus der Romantik, Gotik,  Renaissance, dem Barock und dem Rokoko. Dadurch entsteht ein sogenannter „Neo-Stil“.

Weiterentwicklung und Traditionsgedanke
Durch den Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert kam es zu einer schnellen Vergrößerung der Städte sowie zu raschen Entwicklungen im Bereich der Technik.
Einerseits entstanden dadurch neue Bedürfnisse der Menschen, die die Gesellschaft nicht entbehren wollten. Andererseits sollte die Kultur und Tradition sowie die damit einhergegangenen Stilepochen erhalten bleiben. Aufgrund dieser Kontroverse konnten sich zur Zeit des Historismus zwei Strömungen herauskristallisieren:

Merkmale der Romanik: Rundbogenbau und Würfelkapitell

1.    Die strengen Anhänger des „Historismus“  traten für eine „stilreine“ Umsetzung  ein.  Der Historismus ist hiermit keine völlig neue Stilepoche, sondern eher eine Nachahmung der Stile des Klassizismus, die es zu wiederbeleben galt.

2.    Der romantische Eklektizismus innerhalb des Historismus stellt keine Unterwerfung der anderen Stile da. Es ist vielmehr eine Mischung aus verschiedenen Stil- und Dekorelementen. Diese konnte nach eigenen Vorstellungen kombiniert werden.

Neuschwanstein als Versinnbildlichung der Stilvermischung

Der Eklektizismus spiegelt sich in dem Monumentalbauwerk Neuschwanstein von König Ludwig II. wieder. Das Schloss ist in einem romanischen Stil erbaut, es finden sich Formen der Romantik, Gotik und der byzantinischen Kunst wieder, die miteinander vermischt wurden.Die Fassadengestaltung am Schloss Neuschwanstein orientiert sich einerseits an den vorhandenen Rundbögen, die bei Fenster bzw. Türen als Gestaltungsmittel fungierten, aber auch die Zwischensäulen mit einem Würfelkapitell, die einzelne Fenster unterteilten. Der romanische Baustil kann als Massivbau bezeichnet werden, mit weniger filigranen Elementen. Erst das Einbeziehen gotischer oder byzantinischer Stilelemente rundete die Gesamtkomposition ab und gestaltete das Schloss feingliedriger. Die einfachen Formen der Romantik wurden weitgehend durch emporsteigende Linien, schmale Türme und filigrane Fassadengestaltung, die auf die Epoche der Gotik zurückzuführen sind, ergänzt bzw. erweitert.

„Vollendungsidee“ vereint Geschichte und Entwicklung

Die von Christian Jank entwickelten Idealansichten der Burg griffen die sog. „Vollendungsidee“ auf, die die bereits vorhandenen Stilepochen nicht kopieren, sondern durch den Fortschritt im Bereich der Technik „vollenden“ sollten.

Nach dem allerhöchsten Willen seiner Majestät des Königs soll das neue Schloss im romanischen Style gebaut werden. […] aber  ebensowenig möchte ich zugeben, daß wir […] auf Erfahrungen verzichten wollen, welche sicherlich schon damals verwerthet worden wären, wenn sie bestanden hätten.“

"Heiliger Georg" und "Patrona Bavariae" als malerische Fassadengestaltung

Dezente malerische Fassadengestaltung

Die im romanischen Stil gehaltene Burg wies zu Beginn – nach Jank`sches Entwürfen – eine Komposition malerischer Details auf, die jedoch   unter dem Architekten Georg Dollmann, der Nachfolger Riedels, immer strengere Züge annahm. Durch ihn entstand letztlich ein fast nüchterner Charakter der Burg. Die vorhandenen Wandmalereien an der Hoffassade des Palas stellen die „Patrona Bavaria“ und den „Heiligen Georg“ dar; diese Lüftlmalerei – eine oberbayrische Kunstform der Fassadenmalerei – verweist mit Hilfe der traditionellen Fassadengestaltung auf die Umgebung des Schlosses und auf die Traditionen des Allgäus.