Bergfahrten

Ludwigs Bergaufenthalte: Ein feststehendes Jahresprogramm

Die Gebirgsaufenthalte Ludwigs II. waren keineswegs unberechenbare Fluchten, durch die der König sich unerreichbar gemacht hätte, um Regierungsgeschäften zu entgehen. Ludwigs Bergfahrten folgten einem Programm, das ab etwa 1875 entgültig feststand und bis zum Tod 1886 alljährlich konsequent durchgeführt wurde. Dadurch stand der König für Regierungsgeschäfte jederzeit zur Verfügung. Sogar den Sitz des Kabinettssekretariats ließ er – in gebührendem Abstand – mitwandern.

Auf dem Weg von Steingaden nach Hohenschwangau

Alljährliches Bergfahrtenprogramm König Ludwigs II.
(Grundmuster ab ca. 1875)

Erste Bergfahrt
(ca. 19. – 24. Mai; ab 1881 ca. 14. – 19. Mai)
Walchensee: Vorderriß, Hochkopf

Zweite Bergfahrt
(ca. 6. – 15. Juni; ab 1881 ca. 25- Juni – 5. Juli)
Ammergauer Alpen: Brunnenkopf, Pürschling, Halbammer

Dritte Bergfahrt
(ca. 24. Juni – 3. Juli; ab 1881 ca. 11. – 20 Juli)
Walchensee / Vorkarwendel: Herzogstand, Soiern, Grammersberg

Vierte Bergfahrt
(Mitte Juli – Mitte August; ab 1881 ca. 22. Juli – 21. August)
Sommeraufenthalt: Kenzen, Hohenschwangau, Tegelberg

Fünfte Bergfahrt
(letzte Augustwoche, einschl. 25. August: Ludwigs Geburtstag)
Schachen

Sechste Bergfahrt
(letzte Septemberwoche)
Schachen

Siebente Bergfahrt
(letzte Oktobertage)
Vorderriß

Die kühlen Monate (November bis April) verbrachte Ludwig in München, in Hohenschwangau und in Linderhof. Ab Mai begab er sich dann nach Schloss Berg an den Starnberger See oder nach Linderhof. Von dort aus unternahm er seine Bergfahrten. – Ab 1881 kam ein ca. einwöchiger Aufenthalt in Herrenchiemsee jährlich Ende September/Anfang Oktober dazu. Dafür wurden die ersten vier Bergfahrten und der Sommeraufenthalt in Hohenschwangau um ein paar Tage vorgezogen, die restlichen Termine blieben.

Am Forggensee entlang…

Berghütten als „Residenzen“
Einer enormen Fleißarbeit von Franz Merta verdankt die Ludwig-Forschung ein nahezu lückenloses Itinerar Ludwigs II., d.h. eine Übersicht über seine Aufenthaltsorte mit Datum. Demnach reiste Ludwig II. den größten Teil des Jahres, einem straffen und immer gleichen Programm folgend, von Ort zu Ort. Nicht nur die berühmten Schlösser, sondern auch seine schlichten Berghütten (z.B. Hochkopfhütte, Herzogstandhäuser, Kenzenhütte, Soiernhaus, Tegelberghaus, Schachenhaus, Königshaus Vorderriß…) nutzte der König als „Residenzen“.

Keine Pflichtvernachlässigung
Merta erarbeitete das Itinerar anhand tausender privater und amtlicher Schriftstücke. Die Unterschriften des Königs – jeweils mit Ort und Datum – zeigen, wie Ludwig II. seiner Regierungsarbeit bis zum Schluss fleißig und verfassungsgemäß nachkam – auch in den Bergen. Mertas Schlussfolgerung lautet daher, dass „der Vorwurf der Pflichtvernachlässigung gegen Ludwig II. jeder tatsächlichen Grundlage“ entbehre.

Zunehmend berechenbarer König
Bis etwa 1871 unternahm der jugendliche Ludwig eher spontane, ausgedehnte und ziemlich sportliche Reitausflüge ins Gebirge, wenn keine Geschäfte anlagen. Danach gab der König seinen Ausflügen einen immer festeren Rahmen. Er überließ nichts mehr dem Zufall oder der Laune. Allen Orten, die ihm wichtig waren, wurde im Jahresverlauf eine angemessene Aufenthaltszeit zugemessen – von der Münchener Residenz bis zur einfachsten Berghütte. Offenbar wurde anfangs experimentiert. Ab ca. 1875 scheint Ludwig die zweckmäßige Reihenfolge und günstige Zeitplanung gefunden zu haben, die er weitgehend beibehielt.

Geringfügige Änderungen ergaben sich durch den Baufortschritt der Schlösser. Den neuen Wohnsitzen wurde natürlich auch ein Platz im Aufenthaltsplan eingeräumt (ab 1878 Linderhof, ab 1881 Herrenchiemsee, ab 1884 Neuschwanstein), wofür hauptsächlich die Aufenthaltsdauer in Berg und Hohenschwangau gekürzt wurde.

Disziplin und Beharrlichkeit
Bis zu seinem Tode 1886 erfüllte Ludwig II. konsequent und beharrlich sein alljährliches Bergfahrtenprogramm. Bemerkenswert ist, dass die Entwicklung der Lebensgestaltung Ludwigs demnach von jugendlicher Spontaneität hin zu planerischer Ordnung verläuft. Der König verwirklichte nicht nur unbeirrt sein umfangreiches Reiseprogramm, sondern kam gleichzeitig den Regierungsgeschäften reibungslos nach. Und: Weder ungünstige Wetterverhältnisse noch der zunehmende Touristenrummel konnten ihn davon abhalten, sein straff organisiertes Bergfahrtenprogramm abzuspulen. Das zeigt, dass den König – bis zum Schluss – ein hohes Maß an Organisationstalent und Disziplin auszeichnete. Merta kommt zu dem Fazit: „Für Chaos, Planlosigkeit, Unberechenbarkeit, Launenhaftigkeit – Merkmale also, die auf eine Geistesgestörtheit hindeuten könnten – bietet das Itinerar keine Anhaltspunkte.“


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Literatur:
Franz Merta, Die Aufenthalte des Königs in den Residenzen, Schlössern und Berghäusern [incl. jährliche Aufenthaltsübersicht], in: Hans Rall, Michael Petzet, Franz Merta (Hg.), König Ludwig II. Wirklichkeit und Rätsel, Regensburg, 3. Aufl. 2005 (1968), 153ff.
Franz Merta, König Ludwig II. von Bayern als Alpinist und Naturfreund, in: Alpenvereinsjahrbuch „Berg ’91“, München 1991, 251-268.