Königsgebet

Ludwig II. besucht die Kreuzigungsgruppe

von Maximilian Mayet

Vom nahen Schloss Linderhof kam Ludwig II. regelmäßig, um an der Oberammergauer Kreuzigungsgruppe zu beten. Die Neugierigen, die dabei zusehen wollten, wurden dem König bald lästig. Der spätere Kunstmaler Michael Zeno Diemer wurde zum heimlichen Augenzeugen eines Königsgebets…

Die Ansichtskarte von 1900 zeigt Diemers Bild vom Königsgebet

Die Ansichtskarte von 1900 zeigt Diemers Bild vom Königsgebet

Besuche zum Geburtstag der Königinmutter…
Papst Pius X. gewährte allen, die in Andacht und Bußfertigkeit zur Oberammergauer Kreuzigungsgruppe kamen, einen Ablass von 100 Tagen. Das Monument wurde zum Wallfahrtsort. Ludwig II. kam regelmäßig am Geburtstag seiner Mutter – erstmals am 15. Oktober 1876 – um zu beten. Nach Einbruch der Dunkelheit ließ sich der König bis zum Rondell am Fuße des Hügels fahren. Von dort ging er zu Fuß zum Monument. Er kniete auf einem für ihn bereitgestellten Betschemel vor der Kreuzigungsgruppe, die damals noch nicht mit dem eisernen Zaun umgeben war. Dort verharrte der König längere Zeit im Gebet.

…und zum Todestag der Marie Antoinette
Als sich die alljährlichen Besuche Ludwigs II. herumsprachen, kamen immer mehr Neugierige, um den König zu sehen. Im Jahr 1879 blieb er deshalb aus. Laut königlichem Tagebuch besuchte Ludwig die Kreuzigungsgruppe noch einmal am 16. Oktober 1880, dem Todestag der Königin Marie Antoinette von Frankreich.

1882: Der König kommt doch wieder
Der Oberammergauer Wilhelm Rutz (1865-1950), letzter königlicher Leibdiener und Altbürgermeister des Ortes, berichtet in seinen Lebenserinnerungen, dass Ludwig II. nach 1880 nicht mehr zur Kreuzigungsgruppe kam. Dem widersprechen die Aufzeichnungen des Oberammergauer Kunstmalers Michael Zeno Diemer (1867-1939), der berichtet, wie er im Jahr 1882 Zeuge eines nächtlichen Besuchs des Königs am Osterbichl wurde.

Heute ist das Monument umzäunt und von hochgewachsenen Bäumen umgeben

Heute ist das Monument umzäunt und von hochgewachsenen Bäumen umgeben

Michael Zeno Diemer (1867-1939)  – der spätere Kunstmaler als Lausbub
In seinen Lebenserinnerungen beschreibt Diemer, wie er als 15jähriger im Jahre 1882 hörte, dass König Ludwig vorhabe, nachts zur Kreuzigungsgruppe zu kommen. Diemer suchte sich untertags einen geeigneten Platz am Osterbichl, um sich zu verstecken. Um 21 Uhr verließ er sein Zuhause, ging zu seinem Versteck unter einer Haselnuss-Staude und wartete. Um etwa 23 Uhr hörte er endlich Pferdegetrabe. Diemer berichtet:

„…Voran zwei Reiter in alten blauen Kostümen, blau und silber auf Schimmeln. Jeder Reiter trug eine Laterne auf hohem Stab, dahinter folgte der goldene Prunkwagen und hielt beim Rondell am Fusse des Steilhügels. Ich konnte von meinem Standpunkt aus nicht sehen, wie der König ausstieg. Bald kam er aber langsam den Fußweg herauf und blieb öfter stehen. Nun kam der große Schrecken! [Ich hatte] mich unter meinen schattigen Haselzweigen gegen Sicht gedeckt gefühlt, …aber die Laternen! Sie leuchteten festlich durch das Geäst – mir stand das Herz still – entdeckte man mich, so konnte ich doch nur für einen Wegelagerer, einen Königsattentäter gehalten werden, ich sah mich im Geiste schon in einem dunklen Burgverließ! Aber die Gefahr zog vorüber. Die Fackelträger achteten darauf, dem König den Weg gut zu beleuchten und dieser schritt ruhig und hoheitsvoll seinen Pfad. Ich atmete tief; soll ich flüchten? Nein, das hätte man hören können, so blieb ich also in meinem Versteck und konnte sehen, wie der König seinen Hut weggab, sich auf den Betschemel kniete und längere Zeit im stummen Gebet verharrte. Dann stand er auf, blickte in den Mond, dann nochmals auf das Kreuz und begann den Abstieg. Nah bei meinem Versteck blieb er stehen und ich hatte das Gefühl, er sähe gerade auf mich zu; wie froh war ich, dass er keine Hunde bei sich hatte!“

Jahre später hielt Kunstmaler Diemer sein Erlebnis in einem Aquarell für eine Postkarte fest.

Literatur:
Michael Zeno Diemer, Lebenserinnerungen, nach dem Original (im Besitz von Wilhelm Zeno Diemer) bearb. u. hrsg. von Alfred Zwick, [Maschinenschriftl. Manuskript], Oberammergau 1968 (Beiträge zur Geschichte des Dorfes Oberammergau, Bd. 13)
Mario Praxmarer, Peter Adam, König Ludwig II. in der Bergeinsamkeit von Bayern und Tirol, Garmisch-Partenkirchen 2002.