Ludwig Thoma

Ludwig Thoma und der König in Vorderriß

Wenn Ludwig II. sein Königshaus in der Riß besuchte, wohnte er direkt neben dem alten Forsthaus der Familie Thoma. Vater Max Thoma war hier von 1865 bis 1873 Oberförster. Gemeinsam mit seiner Frau, Katharina Thoma, führte er auch den Gasthof Post – unterhalb des Forstanwesens an der Isar. Förstersohn Ludwig Thoma wurde 1867 geboren und verlebte seine frühen Kinderjahre (1867-1873) in Vorderriß. In seinen „Erinnerungen“ (1919) erzählt der berühmte Schriftsteller von seiner Kindheit in der Riß – und von den Besuchen König Ludwigs II. Hier – einige Auszüge aus Thomas Erzählungen…

Gedentafel am Forsthaus in Vorderriß

Königskapelle  
Meine ersten Erinnerungen knüpfen sich an das einsame Forsthaus, an den geheimnisreichen Wald, der dicht daneben lag, an die Kapelle, deren Decke ein blauer, mit vergoldeten Sternen übersäter Himmel war. Wenn man an heißen Tagen dort eintrat, umfing einen erfrischende Kühle und eine Stille, die noch stärker wirkte, weil das gleichmäßige Rauschen der Isar deutlich herauftönte.“ (23)

Ludwig II. betet mit Flößern und Jägern  
An Sonntagen kam der Pater heraus und las in der Kapelle für Flösser, Jäger, Holzknechte und alle, die zu unserm Hause gehörten, die Messe. Da geschah es zuweilen, daß vorne auf einem mit Samt ausgeschlagenen Betstuhle ein hochgewachsener Mann kniete, der sein Kreuz schlug und der Zeremonie andächtig folgte, wie der Sagknecht oder Kohlenbrenner, der durch ein paar Bänke von ihm getrennt war. Wenn der Mann aufstand und die Kapelle verließ, ragte er über alle hinweg, auch über den langen Herrn Oberförster, der doch sechs Schuh und etliche Zoll maß. Sein reiches, gewelltes Haar und ein paar merkwürdige, schöne Augen fielen so auf, daß sie dem kleinen Buben, den man zu einem ehrerbietigen Gruß anhielt, in Erinnerung blieben. – Der Mann war König Ludwig II.“ (36)

 

Ludwig – beliebt bei den Gebirglern
Damals fühlte er [der König] ] sich wohl in dem bescheidenen Jagdhause, das sein Vater hatte errichten lassen, und er suchte nichts als Stille und Abgeschiedenheit. Seine Freude an der Natur galt in meinem Elternhause wie bei allen Leuten in den Bergen als besonderer Beweis seines edlen Charakters, und niemandem fiel es ein, an krankhafte Erscheinungen zu glauben. Der König schloß sich auch keineswegs auffallend vor jeder Begegnung mit Menschen ab, wenn er schon gegen manches empfindlich war. Bei seinen kurzen Spaziergängen hatte er nichts dagegen, Leuten zu begegnen, die in den Wald gehörten, und zuweilen redete er einen Jäger an. Jedenfalls hat er alle bei Namen gekannt und sich zuweilen nach ihnen erkundigt.“ (36)

„Kämmerlinge“ und „Ohrenbläser“ 
„König Ludwig II. … war immer gütig, dankbar für die bescheidenste Aufmerksamkeit, und er hatte oder zeigte doch niemals Launen. Aber im Gefolge eines Königs gibt es immer Leute, die stärker auftreten als der Herr. (…) Große Herren lassen sich die Mücken abwehren, aber nicht die Ohrenbläser, sagt ein deutsches Sprichwort, und so mußte sich hie und da ein bayerisches Ministerium mit Beschwerden der Hoheiten befassen, die offensichtlich nur Beschwerden ihrer Kämmerlinge waren.“ (29/30)

Vor der Ankunft des Königs
„…diese kleine Welt freute sich, wenn der König kam. (…) Die Vorbereitungen mußten dann schnell geschehen. Der mit Kies belegte Platz vor dem Königshaus wurde gesäubert, Girlanden und Kränze wurden gebunden, alles lief hin und her, war emsig und in Aufregung. Es gab für uns Kinder viel zu schauen, wenn Küchen- und Proviantwägen und Hofequipagen voraus kamen, wenn Reiter, Köche, Lakaien diensteifrig und lärmend herumeilten, Befehle riefen und entgegennahmen, wenn so plötzlich ein fremdartiges Treiben die gewohnte Stille unterbrach.“ (36)  

Gartenblumen zur Begrüßung
Die Forstgehilfen und Jäger mit meinem Vater an der Spitze stellten sich auf; meine Mutter kam festtäglich gekleidet mit ihrem weiblichen Gefolge, und auch wir Kinder durften an dem Ereignis teilnehmen. Das Gattertor flog auf, Vorreiter sprengten aus dem Walde heran, und dann kam in rascher Fahrt der Wagen, in dem der König saß, der freundlich grüßte und seine mit Bändern verzierte schottische Mütze abnahm. Meine Mutter überreichte ihm einen Strauß Gartenblumen oder Alpenrosen, mein Vater trat neben sie, und in der lautlosen Stille hörte man ein leise geführtes Gespräch, kurze Fragen und kurze Antworten. Dann fuhr der Wagen im Schritt am Hause vor, der König stieg aus und war bald, gefolgt von diensteifrigen Männern in blauen Uniformen, verschwunden.“ (37)

Süßigkeiten für die Kinder
In uns Kindern erregte die Ankunft des Königs stets die Hoffnung auf besondere Freuden, denn der freundliche Küchenmeister versäumte es nie, uns Zuckerbäckereien und Gefrorenes zu schenken, und das waren so seltene Dinge, daß sie uns lange als die Sinnbilder der königlichen Macht und Herrlichkeit galten.“ (37)

Nächtliche Gespräche mit Oberförster Thoma
Aus Erzählungen weiß ich, daß Ludwig II. schon damals an Schlaflosigkeit litt und oft die Nacht zum Tage machte. Es konnte vorkommen, daß mein Vater aus dem Schlafe geweckt und zum König gerufen wurde, der sich bis in den frühen Morgen hinein mit ihm unterhielt und ihn nach allem Möglichen fragte, vermutlich weniger, um sich zu unterrichten, als um die Stunden herumzubringen. Wenn wir zu Bett gingen zeigte uns die alte Viktor wohl auch die hell erleuchteten Fenster des Königshauses und erzählte uns, daß der arme König noch lange regieren müsse und sich nicht niederlegen dürfe …“ (37/38)

Literatur: Ludwig Thoma, Erinnerungen [1919], hrsg. von Hans Pörnbacher, München 1996.