Schachen-Anekdoten

Anedokten vom Lieblingsschloss Ludwigs II.

von Susanne Nebl

Bei den Anwohnern des Schachen war der König besonders beliebt. Seine Freundlichkeit und Großzügigkeit schlossen ihn fest in die Herzen seiner Untertanen. Und sie fühlten sich besonders geehrt, weil der weltscheue König so gerne bei ihnen war. Oft sagte er zu ihnen: „Ich meide die Stadt und bleibe lieber bei meinem Landvolk.“ Beim Hutabnehmen kam er ihnen stets zuvor, und für einen kurzen Plausch war er immer bereit. Doch nicht nur die Menschen verehrten ihn: Kaum bei der Wettersteinalm angekommen, war der König von Kühen umringt, die ihn „dabooft“ (abgeleckt) haben.

„De Goaß freß’n d’boarisch Krona!“
Vor dem Schachenschloss wurde als Geschenk für den König die Königskrone aus Blumen und Kräutern nachgebildet. Als der kleine Junge Franz Dengg mit Ziegen, die er hüten sollte, vorbei kam, blieb den Ziegen dieser herrliche Festschmaus nicht verborgen, und sie machten sich sogleich darüber her. Ein Lakai rief dem verzweifelten Franz zu: „Schaug dass’d rauf kommst, Hundsbua, de Goaß freß’n d’boarisch Krona!“ Amüsiert von diesem Spektakel ließ König Ludwig die Ziegen fressen und schenkte dem verängstigtem Franz einen Taler.

 Ein Glückwusch zahlt sich aus
Als König Ludwig wieder einmal einen seiner Namenstage auf dem Schachen verbrachte, kehrte er während des Aufstiegs in die Wettersteinalm ein. Dort kochte ein Hirte gerade das Abendessen für seinen Sohn und sich.
Als er den König eintreten sah, rief er zugleich: „Kini, i wünsch enk Glück gen Namensdog!“. Und sein Sohn fügte hinzu: „Und i ou!“. Die beiden luden daraufhin den König zum Abendessen ein, was Ludwig dankend annahm. Gerührt von so viel Herzlichkeit schenkte König Ludwig ihnen ein großzügiges Geldgeschenk.
 
Anonyme Hilfe
Als drei Holzknechte Baumstämme den Schachen hinuntertrieben, wurde ihnen bekanntgegeben, dass jeden Augenblick König Ludwig diesen Weg passieren würde und dass sie den Weg frei räumen sollen. Zwei von ihnen rannten daraufhin davon, da sie Angst hatten, vom König bestraft zu werden. Der dritte jedoch bemühte sich, die Baumstämme so weit wie möglich wegzuschaffen. Während er arbeitete, kam ein Wagen vorbei. Der Holzknecht rief dem darin sitzenden Herrn zu, er solle ihm doch helfen. Aus dem Wagen stieg dann König Ludwig persönlich, der es sich nicht nehmen ließ, dem Holzknecht zu helfen, bis alle Baumstämme hinuntergetrieben waren. Starke Blasen soll König Ludwig laut seinem Verwalter Niggl davongetragen haben.
 
Wie der Kini vor einer alten Frau flüchtet
Als König Ludwig einst in einem Wald spazieren ging, stieß er aus Versehen mit seinem Wanderstock den Beerenkorb einer alten Frau um. Alle ihre gesammelten Beeren rollten den Abhang hinunter. Die alte Frau begann sofort mit einer Schimpftirade: „Tuat er mit sei’m Stecka so umanandar, und `s Krüagla hot dreißg Kreiza kost und  d’Beer send hin, hab den ganzen Tag brockt…“. Der König gab der Frau ein Zwanzig-Mark-Stück und flüchtete sogleich, um der Wut der Alten zu entgehen. Erst im Nachhinein erfuhr die Frau, dass es der König war, der dort spazieren gegangen ist.
 
Die Mutprobe vom kleinen Franz
Als dem kleinen Franz Dengg von seinem Vater der Auftrag gegeben wurde, einen Strauß Alpenrosen dem König zu überreichen, war ihm mehr als mulmig zumute. Schon oft hatte er den großen Mann mit den dunklen Augen vorbeigehen sehen, doch nun mit ihm sprechen? Franz stieg den langen Weg zum Schachen hinauf und traf den König auf einem Spaziergang an. Hastig stieß er hervor: „Grüß Gott Herr König! Da!“ Und warf dem König den Strauß zu. Erstaunt blieb der König stehen und musterte den Jungen. Ernste, tiefdunkle Augen, die jedoch unendlich gütig dreinblickten, soll König Ludwig gehabt haben.
 
Literatur: „s’Goldene Landl.“ Heimatblatt für die Täler an der Loisach, Isar und Ammer. Beilage des Garmisch-Partenkirchener Tagblattes. Jahrgang 1954. Nummer 8. Seite 1