Sensation mit Dampf

Die sensationelle Bergfahrt der Kreuzigungsgruppe

Im Sommer 1875, am 5. August um 6 Uhr, begann der Transport der einzelnen Kreuzesteile von München nach Oberammergau. Das Unternehmen war eine Sensation, die Massen von Schaulustigen anzog. Das 12 Meter hohe Monument galt damals als das größte in Stein gemeißelte Denkmal der Welt. Der Transport war ein mühsames und gefährliches Abenteuer, das 14 Tage dauerte und zwei Menschenleben forderte.

Den spektakulären Transport des Monuments zeigt ein Stich aus dem Jahr 1875

Der Transport von Kreuz und Christus
Zuerst wurde die Rückwand der Halbigschen Werkstatt in München durchbrochen, um das Kreuz mit dem Christus ins Freie zu bringen. Durch die Hotterstraße, Hackenstraße und Sendlinger Straße schob man die kolossale, 600 Zentner schwere Last auf Walzen zum Sendlinger-Tor-Platz. Dort verpackte man sie auf einen eigens konstruierten eisernen Wagen, der von Zuschauern mit Blumen und Kränzen geschmückt wurde. Den Wagen zog eine Straßenlokomotive der Maffeischen Maschinenfabrik. Das mit Dampfkraft betriebene „Locomobile“ war von Maffei für die Beförderung schwerster Lasten konstruiert worden. Für den Transport der Kreuzigungsgruppe wurde es nochmals speziell umgerüstet. Karl Halm, Ingenieur der Maffeischen Fabrik, übernahm die Leitung des Unternehmens.

93 Kilometer in 14 Tagen
Den Transportweg hatte man sorgfältig gewählt. Man entschied sich für eine Strecke über Starnberg, Weilheim, Murnau, Eschenlohe, Oberau und über den Ettaler Berg nach Oberammergau – insgesamt 93,4 Kilometer. Straßen, Durchlässe und Brücken mussten eigens ausgebessert und besonders verstärkt werden. Einige Münchner begleiteten das Fuhrwerk ein Stück des Weges, andere marschierten die ganze Strecke von München nach Oberammergau mit.

Durch Starnberg, Weilheim und das Murnauer Moos
Zwischen Starnberg und Weilheim auf durchweichten, sumpfigen Straßen kam man stellenweise nur Zentimeter für Zentimeter voran. Von Weilheim nach Murnau ging es trotz der Steigungen deutlich besser. Die Zugmaschine fuhr immer 30 Meter voraus, dann wurde sie aufgebockt, und der Wagen über eine Seilwinde nachgezogen. Besonders aufregend war die Fahrt durch Murnau, wo es auf schlecht gepflasterter Straße stark bergab ging. Am Kapfelberg bei 17 Prozent Gefälle in einer steilen Kurve stellte sich der Wagen beim Bremsen schräg und wäre beinahe gekippt. Die 40 Meter lange Ramsachbrücke musste vor der Überquerung nochmals verstärkt werden. Als man das Murnauer Moos (Moor) bei Klein-Aschau durchquerte, schwankte der ganze Straßenkörper auf und nieder.

An die Todesopfer des Transports erinnert dieser Gedenkstein an der Alten Ettaler Straße

Am gefährlichen Ettaler Berg
Besonders gefürchtet und gefährlich war die Fahrt über den steilen Ettaler Berg. Diesen Weg musste man wählen, weil die Brücken im Norden Oberammergaus nicht stabil genug waren. So musste man auf der alten Ettaler Straße 175 Höhenmeter auf 1.200 Metern Straßenlänge überwinden. Da begann es auch noch in Strömen zu regnen. Drei Tage und weitere 80 Oberammergauer – insgesamt 140 Mann – waren nötig, um den Berg zu bezwingen. Flaschenzüge wurden an Bäumen festgehängt, um die Zugkraft des Locomobile zu unterstützen. Am 16. August traf der Wagen mit dem Kruzifix endlich wohlbehalten in Oberammergau ein.

Zwei Tote beim Transport des Johannes
Bei der Beförderung des Kreuzes war alles gut gegangen, doch beim Transport der Seitenfiguren kam es zur Katastrophe. Das Unternehmen leitete der Steinmetzmeister Franz Xaver Hauser aus München. Am 15. August wurde der Wagen mit der 40 Zentner schweren Johannesfigur von 32 Pferden den Ettaler Berg hinauf gezogen. Auf halber Höhe gönnte man den Pferden eine Rast und sicherte den Wagen mit Hemmblöcken. Bei der Weiterfahrt vergaß Steinmetzmeister Hauser, den Hemmblock hinter dem linken Vorderrad zu entfernen. Als das linke Hinterrad darüber rollte, kippte der Wagen. Die Johannesfigur rutschte nach hinten und zerquetschte Hauser die Brust. Er war sofort tot. Der neben ihm gehende Tiroler Steinhauer Joseph Kofelenz wurde vom niederstürzenden Gebälk getroffen. Man brachte ihn ins nahe Kloster Ettal, wo er unter schrecklichen Schmerzen am selben Abend verstarb.

Der König gedenkt der Toten
Noch heute erinnert ein Gedenkstein an der Alten Ettaler Straße an das tragische Unglück. Ein Kammerdiener Ludwigs II., Thomas Osterauer, berichtet, wie sehr das Schicksal der beiden Männer den König berührte. Als sie einmal an der Unglücksstelle vorbeikamen, lies der König anhalten und absteigen. Er erzählte Osterauer von dem Unfall und betete für die Toten. Die Inschrift lautet:

Hier starb / mitten in seiner rastlosen Thätigkeit / am 15. August 1875 / Herr Franz Xaver Hauser / Steinmetzmeister aus München / geboren am 15. April 1812 / zu Binswang in Tirol / Er wurde durch das Umstürzen / der zur Oberammergauer Kreuzigungs- / Gruppe gehörigen Johannes Figur, / deren Transport er leitete, / getötet. / R.I.P.

Mit Ihm verunglückte sein treuer Gehilfe / Joseph Kofelenz / Steinhauer aus Mihl in Tirol u. starb noch 2 1/2 / stündigen schmerzlichen Leiden in Ettal. / R.I.P.

 

Literatur:
Michael Sachs, Die Bergfahrt eines Monuments, in: Die Gartenlaube (1875), 775-778; Stich 773.
Mario Praxmarer, Peter Adam, König Ludwig II. in der Bergeinsamkeit von Bayern und Tirol, Garmisch-Partenkirchen 2002.